Armidas Zaubergarten vor den Toren Jerusalems

Rinaldo und Armida von Francesco Hayez

Wenn man von Avalon einmal absieht, scheinen Zaubergärten die Eigenschaft zu haben, sich eher in südlichen Gefilden zu befinden. Wir als Deutsche und Christen müssen dorthin reisen, so auch Gottfried von Bouillon in Torquato Tassos „Das befreite Jerusalem“ (1575). Der Kreuzritter Bouillon führte im 11. Jahrhundert ein 20.000 Mann starkes Heer gen Süden, um Jerusalem von den Sarazenen zu „befreien“.

Da erscheint in Tassos Epos die sarazenische Zauberin Armida (Homers Zauberin Circe und der Zauberin Alcina in Ariosts „Orlando furioso“ nachempfunden) im Lager der Christen und fragt nach deren Ziel; ihre Reden führen zu einem Streit unter den christlichen Rittern. Ein Teil der Ritter verlässt das Lager mit ihr und wird kurz darauf von der Zauberin in Tiere verwandelt (10. Gesang). Armida versucht danach den berühmten christlichen Kreuzritter Rinaldo zu töten (sein Name erscheint auch in Ariostos „Orlando furioso“); aber sie verliebt sich in ihn und nimmt ihn mit auf eine magische Insel (14. Gesang). Zwei christliche Ritter suchen Rinaldo und entdecken die magische Festung der Zauberin. Es gelingt ihnen, zu Rinaldo vorzudringen, und sie geben ihm einen Spiegel aus Diamanten. Als Rinaldo in den Spiegel schaut, erkennt er die um ihn verzauberte Welt und verlässt die Zauberinsel, um vor Jerusalem weiter zu kämpfen. Armida bleibt mit gebrochenem Herzen zurück. Sie versucht Selbstmord zu begehen, aber rechtzeitig findet Rinaldo sie und verhindert dies. Er überredet sie, zum Christentum überzutreten.

Hier die Beschreibung der Zaubereien Armidas – der Name bedeutet „die Kriegerin“ – in ihrem Garten (zitiert nach dem Internet-Projekt Gutenberg):

10. Gesang (die Christen werden von Armida in Tiere verwandelt):

62.

Nichts kann den Boden dieses Sees erreichen,
Was man hineinwirft, sei es noch so schwer;
Dem leichten Holz der Tanne zu vergleichen,
Schwimmt Mensch und Stein und Eisen obenher.
Ein prächtig Schloss liegt mitten in den Teichen,
Und nur ein schmales Brücklein führt hierher.
Hier nun empfing sie uns; und wahrlich! drinnen
Bezaubert alles, alles lacht den Sinnen.

 
63.

Ein heitrer Himmel überwölbt die Auen;
Die Bäume blühn, von klarer Flut bespült.
Die schönsten Myrtenwälder sind zu schauen,
Die hier ein Quell und dort ein Flüsschen kühlt.
Ein sanfter Schlummer scheint herab zu tauen,
Indes die Luft im zarten Laube wühlt;
Süß tönt der Vögel Lied. Von Wunderwerken
In Gold und Marmor will ich nichts bemerken.

 
64.

Sie ließ im Schutz der dichtern Dunkelheiten,
Wo durch das Gras die Quelle murmelnd rollt,
Die Tafel, reich an Prachtgeschirr, bereiten,
An Speisen reich, dem feinsten Gaumen hold.
Hier war die Ausbeut‘ aller Jahreszeiten,
Was nur die Erde schenkt, das Meer nur zollt,
Die Kunst nur würzt; und hundert junge Schönen
Bedienten uns, des Mahles Lust zu krönen.

 
65.

Dies Mahl des Todes, diesen Trank der Lügen
Versüßte sie mit holdem Blick und Wort;
Und jeder schlürft‘ in langen Flammenzügen
Ein lang Vergessen ein am sel’gen Ort.
Nun stand sie auf; mit minder sanften Zügen
Und strengerm Blick kam sie zurück sofort
Und hielt ein Buch nebst einem kleinen Reise;
Dies schwenkte sie, aus jenem las sie leise.

 
66.

Die Zaubrin las, und gleich schien Neigung, Leben,
Sinn, Aufenthalt verwandelt mir zu sein.
Seltsame Kraft! Ich fühlt‘ ein neues Streben,
Sprang in die Flut und tauchte tief mich ein.
Der Leib verkürzte sich – wie sich’s begeben,
Begreif‘ ich nicht – hinweg schwand Arm und Bein;
Auf meiner vor’gen Haut wuchs eine frische,
Von Schuppen voll, und kurz – ich ward zum Fische.

Rinaldo und Armida im Zaubergarten (Jan Soens 1547-1611), umgeben von Eulen, Papageien, Turteltauben, Weintrauben und mehr

14. Gesang (Armida verliebt sich in Rinaldo):

68.

Schön blühende Ligustern, Lilien, Rosen,
Die sie dem lieblichen Gestad‘ entrafft,
Verflicht sie nun mit neuer Kunst zu losen,
Doch zähen Banden von gewalt’ger Kraft.
Hals, Arm‘ und Füße des Verteid’gungslosen
Umwindet sie und hält ihn so in Haft,
Lässt ihn im Schlaf auf ihren Wagen bringen
Und eilt, mit ihm sich in die Luft zu schwingen.

 
69.

Sie nimmt den Weg nicht nach Damaskus‘ Lande,
Noch zu der Burg, die im Gewässer liegt;
Voll Eifersucht ob diesem teuern Pfande,
Voll Scham, dass so die Liebe sie besiegt,
Flieht sie zum Meer, wohin von unserm Strande
Nie oder selten sich ein Schiff verfliegt.
Dort wählt sie, fern von jedem unsrer Porte,
Ein Eiland sich zum stillen Wohnungsorte;

 
70.

Ein Eiland, dem nebst andern jener Strecke
Die Glückesgöttin ihren Namen leiht.
Hier wählt sie einen Berg nach ihrem Zwecke,
Wüst, unbewohnt, gehüllt in Dunkelheit,
Und gibt durch Zauber rings ihm eine Decke
Von tiefem Schnee; das Haupt nur bleibt befreit
Und grün und lieblich; und zum Sitz der Freude
Schafft sie an einem See ein Prachtgebäude;

 
71.

Wo ihrem Freund in weichem Liebesschmachten
Bei ew’gem Mai die Wonnetag‘ entfliehn.
In so verborgner Ferne müsst ihr trachten,
Der schnöden Haft den Jüngling zu entziehn,
Und siegen ob der Eifersücht’gen Wachten,
Die Berg und Schloss verteidigend umziehn.
Auch fehlt nicht, wer euch leit‘ an jene Küste
Und euch zum großen Werk mit Waffen rüste.

 
72.

Ein Weib von Ansehn jung und alt von Jahren,
Wird euch erscheinen an des Flusses Rand.
An langen, um die Stirn geflochtnen Haaren
Erkennt ihr sie, am schillernden Gewand.
Sie wird mit euch das hohe Meer durchfahren
Weit schneller, als der Aar den Fittich spannt,
Der Blitz entfliegt; und auch beim Wiederkehren
Wird sie Geleit nicht minder treu gewähren.

 
73.

Am Fuß des Zauberbergs wird euch der neuen
Pythonen zischendes Gewürm empfahn;
Mit offnem Schlund drohn Bären euch und Leuen,
Der Eber sträubt den borst’gen Rücken an.
Doch, bald erschreckt durch meiner Gerte Dräuen,
Wird, wo sie rauscht, kein Ungetüm sich nahn.
Dann aber wird – ich will es nicht verschweigen –
Mehr der Gefahr sich auf dem Gipfel zeigen.

 
74.

Dort fließt so klar und lieblich eine Quelle,
Dass, wer sie sieht, begehrt von ihrer Flut;
Allein sie birgt in der kristallnen Helle
Ein heimlich Gift, das böse Wirkung tut.
Ein kleiner Zug aus ihrer kühlen Welle
Berauscht den Geist und macht ihn frohgemut;
Dann fühlt der Mensch zum Lachen sich getrieben,
Das immer anwächst, bis er tot geblieben.

 
75.

Deshalb muss eure Lippe mit Verachten
Die tödlich trügerische Flut verschmähn;
Auch dürft ihr nicht nach jenen Speisen trachten,
Die lockend dort am grünen Ufer stehn,
Noch nach den Mädchen, die mit holdem Schmachten
Und süßen Tönen euch zu fangen spähn.
Verhöhnet ihre Blick‘ und Schmeichelworte
Und tretet ein in die erhabne Pforte.

 
76.

Im Innern sind vielfach verschlungne Gleise,
Ummauert, ein verworrnes Labyrinth;
Allein ein Plan belehrt euch, welcherweise
Ihr ohne Fehl den Ausgang dort gewinnt.
Ein Garten liegt inmitten dieser Kreise,
Wo Liebeshauch von jedem Zweige rinnt.
Dort werdet ihr im Schoß der grünen Auen
Die Zauberin und ihren Ritter schauen.

 
77.

Hat sie hernach aus jenem Lustgefilde,
Fern vom Geliebten ihren Schritt gewandt,
Dann nahet ihm bewaffnet mit dem Schilde,
Den ich euch geb‘, aus hellem Diamant,
Dass er sich selber schau‘ im Spiegelbilde,
Gehüllt in weich unmännliches Gewand.
Voll Scham und Zorn wird er sich dann ermannen
Und schnöde Lieb‘ aus seiner Brust verbannen.

Rinaldo und Armida, umgeben von Rosen und Putten
Louis Jean François Lagrenée (1724-1805)

16. Gesang:

1.

Rund ist der reiche Bau, in dessen Kreise
Als Mittelpunkt der schöne Garten liegt,
Der alle, die mit größtem Ruhm und Preise
Jemals geblüht, an Reizen weit besiegt.
Irrgänge sind kunstreich verworrnerweise
Durch Geisterhand rings um ihn her geschmiegt;
Und in des vielverschlungnen Pfades Mitte
Liegt er versteckt, unnahbar jedem Schritte.

 
2.

Durchs Hauptthor gehn die Ritter; denn sie sehen,
Es zählet hundert Pforten der Palast.
Die Tore von geformtem Silber drehen
In goldnen Angeln ihre reiche Last.
Die Ritter bleiben bei den Bildern stehen,
Denn hier besiegt den Stoff die Arbeit fast.
Zum Leben scheint nur Sprache zu gebrechen,
Traust du dem Blick, so wähnest du, sie sprechen.

18. Gesang:

21.

Der Ritter späht, wie er den Fluß durchwate,
Als plötzlich eine Wunderbrück‘ ihm blinkt,
Aus Gold gemauert, die mit breitem Pfade
Auf festem Bogengrund dem Wandrer winkt.
Er geht hinüber; doch, kaum ans Gestade
Gelangt sein Fuß, als sie sogleich versinkt,
Hinabgeschwemmt vom erst so stillen Flusse,
Der jetzt einherbraust in gewalt’gem Gusse.

 
22.

Er kehrt sich um und sieht in breitern Räumen
Den Strom, wie von geschmolznem Schnee geschwellt,
Weit ausgedehnt in tausend Wirbeln schäumen,
Indem er um sich selbst sich wollt und wellt.
Doch fühlt durch Neugier zu den alten Bäumen
Des dichten Hains sich hingelockt der Held;
Und immer scheint in wald’gen Einsamkeiten
Ein neues Wunder ihm sich zu bereiten.

 
23.

Wohin sein Fuß nur tritt im Weitergehen,
Da quillt’s hervor, da sproßt es alsobald.
Hier sieht er Lilien, Rosen dort entstehen,
Ein Bach entsprudelt, eine Quell‘ entwallt;
Und über ihm, und rings, so weit zu sehen,
Verjüngt sein Laub der hochbejahrte Wald.
Die Rinde weicht sich auf, und wie im Lenzen
Scheint jeder Baum von frischem Grün zu glänzen.

 
24.

Ein flüss’ger Honig träufelt aus der Rinde,
Mit Manna ist das grüne Laub betaut:
Und wiederum ertönet leis‘ und linde
Klag‘ und Gesang in süßem Wechsellaut.
Allein der Chor, der mit der Flut, dem Winde
Den Schwänen sich vereint, wird nicht geschaut;
Er kann nicht sehn, wer diese Lieder singe,
Woher der Schall des Klanggerätes dringe.

 
25.

Indem er schaut, und der Vernunft Ermessen
Ableugnet, was die Sinne kundgetan,
Erblickt er eine Myrt‘ und lenkt indessen
Den Schritt zu ihr nach einem freien Plan.
Weit stolzer noch als Palmen und Zypressen
Streckt sie die großen Äste himmelan;
Und fast berührt ihr Haupt die Wolkenräume,
Als wäre sie die Königin der Bäume.

 
26.

Ein neues Wunder, das sich dort entfaltet,
Macht, dass sein Fuß sich hemmt, sein Auge stiert:
Ein Eichbaum ist’s, der sich von selber spaltet,
Den hohlen Schoß eröffnet und gebiert.
Hervor tritt eine Nymphe schön gestaltet,
Und wunderbar ist ihr Gewand verziert;
Und hundert Bäume sprengen dann die Rinden,
Um sich von hundert Nymphen zu entbinden.

 
27.

Wie oft sich auf Gemälden oder Bühnen
Dem Auge zeigt der Waldgöttinnen Schar,
Hochaufgeschürzt, mit bloßem Arm, dem kühnen
Kothurn der Jagd und aufgelöstem Haar,
So stellen sich dem Ritter jetzt der grünen
Baumrinden trügerische Töchter dar;
Nur dass sie nicht mit Pfeil und Spieß sich zeigen,
Denn Lauten, Zithern tragen sie, und Geigen.

Welche konkreten Pflanzen stehen also in den Zaubergärten und -wäldern der Renaissance? Schön blühende Liguster, Lilien, Rosen, Myrten (stolzer als Palmen und Zypressen) und eine Eiche, die sich von selber spaltet, und aus der eine Nymphe heraustritt.

Jede dieser Pflanzen hat eine symbolische Bedeutung – schon im Mittelalter war es zum Beispiel kein Zufall, welche Blumen auf einem Marienbildnis dargestellt waren. So sind weiße Lilien und weiße Rosen typische Marienblumen, die für Reinheit, Unschuld, Tugend, unbefleckte Empfängnis und himmlische Liebe stehen. Gehen wir deshalb davon aus, dass hier die irdische Liebe und Empfängnis gemeint sind und die Pflanzen rot blühen. Darauf deuten auch die Myrten hin, die für den Brautkranz stehen – stolzer als Palmen (Zeichen des Sieges im Kampf) und Zypressen (Zeichen des Todes). Diese Myrten lassen die Christen also vergessen, dass sie zum Kämpfen und Morden ins Heilige Land gekommen sind.

Der Liguster (schon in der Renaissance beliebt als Heckenpflanze für Irrgärten) fragt: Hast du mich schon vergessen, da du mich so gar nicht beachtest? Und um das zu verhindern, bindet Armida den Helden mit Ligusterzweigen.

Die Eiche, eigentlich ein Symbol für Ewigkeit, Standhaftigkeit und unerschütterlichen Willen, spaltet sich bei Tasso und wird so zum genauen Gegenteil: Dem Sieger der Lorbeer – dem Liebenden jedoch der Liebe einfachen Schmuck, ein Eichenblatt.

Da Armida sich am Ende jedoch zum Christentum bekehren lässt, dürfen wir davon ausgehen, dass sie sich hinfort mit weißen Rosen und Lilien begnügen wird.

Torquato Tassos Werk, und insbesondere die Zauberin Armida, regte vor allem im 18. Jahrhundert die Fantasie zahlreicher Opernkomponisten an, darunter:

  • Jean-Baptiste Lully: Armide, 1686
  • Georg Friedrich Händel: Rinaldo, 1710/11
  • Carl Heinrich Graun: Armida, 1751
  • Niccolò Jomelli: Armida abbandonata, 1770
  • Antonio Salieri: Armida, 1771
  • Johann Gottlieb Naumann: Armida, 1773
  • Christoph Willibald Gluck: Armide, 1777
  • Domenico Cimarosa: L’Armida Immaginaria, 1777
  • Joseph Haydn: Armida, 1783
  • Vincenzo Righini: La Gerusalemme liberata ossia Armida al campo de Franchi und La Selva incantata, 1803
  • Gioachino Rossini: Armida, 1817
  • Antonín Dvorák: Armida, 1902/03

Armida erweist sich als „Kriegerin“, die im Laufe der Jahrhunderte Dutzende männlicher Künstler inspiriert hat. Stark, verführerisch – aber doch ganz auf den Mann bezogen. Und am Ende sogar missionierbar. Auf der Strecke bleibt am Ende ihr Zaubergarten. Ganz ähnlich ergeht es im folgenden Beitrag dem Garten ihres männlichen Pendants Klingsor und seinem weiblichen Werkzeug Kundry.

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