Glücksbringer: Der Fliegenpilz (Amanita muscaria)

 

Volkstümliche Bezeichnungen Düwelsbruet, Fliegenteufel, Hexensessel, Krötenstuhl, Rabenbrot
Blütezeit
Blütenfarbe – (Fruchtkörper rot mit weißen Flecken)
Inhaltsstoffe Ibotensäure
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Nein. Nur in der Homöopathie angewendet: Agaricus muscarius, erhältlich als Urtinktur oder Globuli
Zauberpflanzenkategorie (c), (j), (l), 8, 10
Essbar? Mäßig giftig. Letale Vergiftungen sind nicht bekannt, sie dürften bei etwa 10 Pilzen liegen. In einigen Regionen und bei bestimmten Zubereitungsarten gilt der Pilz als essbar.

 

Genau genommen hat der Fliegenpilz in einem Buch über Zauberpflanzen nichts zu suchen: Pilze sind keine Pflanzen, sondern formen ein eigenes Reich zwischen Tier- und Pflanzenwelt. Sie betreiben keine Photosynthese, sondern leben von organischen Nährstoffen aus ihrer Umgebung und nutzen dasselbe Polysaccharid wie Tiere für die Speicherung von Kohlenhydraten. Außerdem bilden die meisten Pilze in ihrer Zellwand genau wie Insekten Chitin, was in der Pflanzenwelt nicht vorkommt.

Aber ich finde, für ein dermaßen magisches und schönes Wesen wie den Fliegenpilz, der in unserer Kultur eine so große Bedeutung hat, muss einfach eine Ausnahme gemacht werden!

Der Fliegenpilz ist tödlich für Fliegen (daher der Name!), wirkt jedoch auch halluzinogen und ist aus diesem Grunde von den Heilern vieler Völker als Hilfsmittel zur Erlangung der schamanischen Trance verwendet worden.

Sind Fliegenpilz oder andere Pilzarten im Kreis angeordnet, spricht man von einem Hexenring. Er entsteht, wenn sich das unterirdische Pilzgeflecht kreisförmig von einem Punkt aus ausdehnt, wobei die Pilzfäden in der Mitte allmählich absterben: Je größer der Hexenring, umso älter das Pilzgeflecht. An solchen Stellen, so glaubte man früher, würden die Hexen tanzen.

Im Alter biegt der Pilz häufig seine Hutränder nach oben und bildet einen Becher. Regnet es, füllt sich der Becher ( Hexenbecher) mit Wasser und mischt sich mit den Giftstoffen des Pilzes. Dieser „Zwergenwein” ist ein Zaubertrunk, der angeblich von vorbeikommenden Zwergen sehr gern getrunken wird. Überhaupt erscheint der Fliegenpilz auffällig oft in Sagen und Märchen, die mit Zwergen und ihren unterirdischen Schatzhöhlen in Verbindung stehen.

In Sibirien ist der Fliegenpilz das zentrale Rauschmittel, alternativ werden Sumpfporst (Ledum palustre) und Rauschbeere (Vaccinium uliginosum) bzw. in heutiger Zeit Alkohol angewandt. Zum Räuchern nutzten die Schamanen Sibiriens hingegen Wacholder (Juniperus communis), Kiefer (Pinus spp.) und Thymian (Thymus spp.)

Man nutzte die psychoaktive, halluzinogene Wirkund des Fliegenpilzes sowohl im profanen Bereich als Berauschungsmittel als auch zu sakralen bzw. magischen Anlässen: zum Heilen, Wahrsagen, Hellsehen, zum Kommunizieren mit den Geistern und den Seelen Verstorbener, zur Traumdeutung, zur Namensgebung für Kinder usw. Entsprechend der Verteilung der religiösen Aufgaben in einer Gruppe wurden manche dieser Aufgaben von Spezialisten wie Schamanen durchgeführt. Allerdings hatten sie dabei nicht notwendigerweise zu deren Durchführung Hilfsmittel wie den Fliegenpilz einzunehmen. Eher im Gegenteil: Bei zahlreichen Gruppen galt und gilt es als Schwäche, wenn der Schamane zur Erlangung der Ekstase Hilfsmittel wie Amanita muscaria, Alkohol und Cannabis spp. Verwendet. (…) Der historische und teilweise aktuelle Gebrauch des Fliegenpilzes ist im Westen Sibiriens überwiegend dem sakralen, im Osten eher dem profanen Bereich zuzuordnen.

Nur bei wenigen Ethnien wie bei den Waldnenzen, Keten und Selkupen war der Gebrauch des Pilzes offensichtlich auf Personen mit einer besonderen religiösen Stellung innerhalb der Gruppe beschränkt. Das Geschlecht des Konsumenten hatte dagegen nur teilweise eine restriktive Bedeutung.“ (Kasten 2009, S. 112f)

Auch bei den sibirischen Wogulen, Ostjaken, Kamtschadalen wird der Fliegenpilz, der mit der Erdmutter in direkter Verbindung stand, rituell als Rauschmittel, zum Erlangen hellsichtiger und prophetischer Trancen und zur Auslösung von Ekstasen benutzt. Er gilt dort als das materiell gewordene göttliche Fleisch, das den Konsumenten mit der spirituellen Welt verschmelzen lässt. Bei den Kamtschadalen ist neben dem spirituellen auch der aphrodisische Gebrauch üblich.

Eine Variante besteht in Sibirien darin, dass die Teilnehmer des Rituals den Urin des Schamanen trinken, nachdem dieser Fliegenpilz gegessen hat und sich die Ibotensäure in seinem Körper zu Muscimol abgebaut hat: Ibotensäure in frischen Fliegenpilzen ist einerseits giftiger, hat aber auch eine geringere Rauschwirkung als Muscimol. Urintrinker vermeiden dadurch die von der Ibotensäure häufig ausgelöste Übelkeit.

Auch wenn der Pilz getrocknet wird, entfaltet sich seine psychoaktive Wirksamkeit: Es werden Rauschzustände wie nach dem Konsum von Opium beschrieben. Besonders beliebt als Aphrodisiakum soll eine Rauchmischung aus getrocknetem Fliegenpilz, Stechapfelblättern und Hanfblüten sein. Dabei erhöht der Pilz das Bewusstsein der Muskulatur und gibt Kraft, der Stechapfel verbessert die Hautsensitivität und der Hanf verleiht Empfindsamkeit und erotische Fantasie.

Besonders in Südamerika sind spezielle Methoden des Schnupfens arzneilicher, aphrodisischer oder psychedelischer Pulver entwickelt worden. Auch der Fliegenpilz wurde dafür getrocknet und zu Pulver zerrieben.

Für die Veredelung des Weins des griechischen Gottes Dionysos prädestiniert war der Fliegenpilz. Er ist einer der wenigen Pilze, die in Griechenland wachsen, und erinnert in seiner Gestalt an einen wichtigen Aspekt des Gottes, den Phallus. Und er konnte die Rauschzustände bewirken, die für die Mysterienkulte erforderlich waren. Darstellungen auf Vasen zeigen manchmal eine Kräuterkundige beim Ernten von phalloi. Auch sind Darstellungen von Pilzen bei Weinszenen bekannt.

Auch in den Mysterienkulten des persischen Lichtgottes Mithras wurde der Fliegenpilz verwendet. Bei der Initiation trugen die einzuweihenden Personen (Mysten) dieselbe fliegenpilzrote, phrygische, aus Stiergenitalien hergestellte Kappe, die auch Mithras selbst trug, ebenso wie Bacchus/Dionysos.

Die Ähnlichkeit von Mithras mit einem Elf oder einem Zwergenkönig ist verblüffend. Bei den rituellen Gastmälern bediente ein als Rabe verkleideter Mann. Er reichte den höherrangigen Mysten den von einer Schlange umwundenen Pokal mit dem Rauschtrank (…), der vermutlich aus Wasser, Wein und Fliegenpilzsaft bestand.“ (Stadt Frankfurt am Main, S. 104)

Die Alchemisten trugen die gleiche phrygische Mütze: Sie brauchten den Fliegenpilz, um mit seiner Hilfe den Stein der Weisen herzustellen.

Im Volksglauben wurde der Fliegenpilz mit der von Schlangen und Kröten in Verbindung gebracht, die angeblich ihre Sekrete an ihn ausschwitzen, wenn sie sich um ihn ringeln oder auf ihm sitzen. Daher auch die Bezeichnung Krötenstuhl. Gleichzeitig ist von Kröten (wenn auch nicht direkt vom Fliegenpilz) immer wieder in den Folterprotokollen der Hexenjäger die Rede.

Aus dem heutigen Russland ist ein Rezept bekannt, bei dem Fliegenpilze mit Wodka versetzt werden. Dazu werden 1-2 frische, gewaschene Fliegenpilze mit 0,7l Wodka übergossen und in einer fest verschlossenen Flasche an einem warmen, sonnigen Ort stehen gelassen. Nach einer Woche ist der Schnaps fertig und der Fliegenpilz kann entfernt werden (durch ein Sieb abgießen). Nicht mehr als ein Schnapsgläschen pro Abend genießen.

Für aphrodisische Zwecke kann statt Tabak auch die getrocknete, zerkleinerte rote Haut des Fliegenpilzes geraucht werden, eventuell zusammen mit anderen Kräutern. Die Dosierung ist bei jedem Menschen individuell unterschiedlich – besser anfangs zu wenig als zu viel nehmen!

Hier eine Beschreibung über die Verwendung des Fliegenpilzes an Halloween (Samhain):

In der Nacht zum 1. November ist die Wand zwischen der Welt der Toten und der Lebenden sehr dünn. In unserer Familie gehört es deswegen dazu, dass ein zusätzliches Gedeck für die Ahnen aufgelegt wird, um sie einzuladen, mit der Familie den Übergang vom alten in das neue Jahr mit uns zu zelebrieren.“ (Neujahr ist nach einigen heidnischen Traditionen am 1. November.) „Dies ist aber auch die Nacht der Weissagungen und der Träume; Träume, in denen wir mit den Ahnen direkt Kontakt aufnehmen und uns mit Ihnen zusammensetzen.

Dafür – und nur in dieser Nacht – bereiten wir einen Fliegenpilztee, der nach einem Rezept von meiner Oma wie folgt hergestellt wird: Zum Vollmond vor Samhain begeben sich die Familienoberhäupter in den Wald und suchen einige Fliegenpilze, mit welchen sie Kontakt aufnehme. Die gesunden Pilze (ohne Wurmbefall oder Schneckenfraß!) werden am Stiel abgeschnitten und in einen Weidenkorb gelegt; als Opfergabe lassen wir meist etwas Tabak und einen Apfel an der Erntestelle liegen. Danach wird von den Pilzen die rote Huthaut abgezogen und schnell getrocknet, die getrocknete Haut wird in einem roten Leintuch bis zu Samhain dunkel und kühl aufbewahrt. In der Nacht wird ein Kaltauszug hergestellt und von allen Familienmitglieder vor dem Schlafengehen getrunken. Die darauffolgenden Träume werden am nächsten Morgen im Kreise der Familie erzählt und gedeutet.“ (Magister Botanicus, S. 197)

Diskutiert wird die Deutung des altindischen, göttlichen Soma-Getränkes und des griechischen Nektars und Ambrosias als Fliegenpilzextrakt sowie das Wüten der altnordischen Berserker als Fliegenpilzrausch. Für beide Annahmen fehlt es jedoch an wissenschaftlichen Nachweisen.

Ganz harmlos ist hingegen der Fliegenpilz als eines unserer beliebtesten Glückssymbole in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und dem 6. Januar – neben Hufeisen, vierblättrigem Kleeblatt und Glücksschwein. Man findet ihn auf Glückwunschkarten, aber auch in bebilderten Märchenbüchern. Und wer ihn hat – na, der ist ein Glückspilz!

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