Der Schwarzerlenkönig grüßt (Alnus glutinosa)

Volkstümliche Bezeichnungen Eldern, Eller, (Frau) Else
Blütezeit 1-4
Blütenfarbe Grünlich-gelblich-bräunlich
Inhaltsstoffe Gerbstoffe (bis zu 20% in der Rinde), Flavonoide wie Hyperosid und ß-Sitosterin, Farbstoffe (Färberpflanze!)
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Nur volksheilkundlich: bei Haut- und Schleimhauterkrankungen (Rinde), die Fruchtzapfen als Aphrodisiakum
Zauberpflanzenkategorie (b), (k), 2-8
Essbar? Nicht üblich

 

Da man die Erle (althochdeutsch für die Freie, Vornehme) häufig in feuchten, auch sumpfigen Gebieten findet, die als unheimlich galten, wird sie im Volksglauben häufig mit dem Teufel und Hexerei in Verbindung gebracht: In den Mooren trieben sich Moderwesen und hatten die Elfen ihren Tanzplatz. Im Moor begrub man aber auch die Toten (Moorleichen!). Die dort heimische Erle ist deshalb assoziiert mit Tod und Weggehen, Entsagung und Erneuerung.

Erlen gelten aber auch als Schutzbäume, denn ihr Holz ist sehr haltbar und unempfindlich gegen Verrotten (Venedig steht auf Eichen- und Erlenpfählen!).

Ihre volkstümlichen Bezeichnungen Eller und Elder weisen darauf hin, dass sie im Ahnenkult bedeutsam war (die Ellermutter ist im Niederdeutschen die (Ur-)Großmutter, so auch im Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“). Gleichzeitig bedeutet Eller im Dänischen Elfe, sodass Herder (absichtlich oder versehentlich) den Elfenkönig als Erlkönig übersetzte (s.u.)

Antike Mythologie

In den Metamorphosen des Ovid überredet Phaeton seinen Vater Helios, den Sonnenwagen lenken zu dürfen. Da Phaeton den Wagen jedoch nicht in Gewalt hat und die Erde zu verbrennen droht, tötet ihn Zeus/Jupiter durch einen Blitz. Aus Gram darüber verwandeln sich die Schwestern des Phaeton, die Heliaden, an den Ufern des Po in Bäume. Laut Vergil (70–19 v. Chr.) handelt es sich dabei um Erlen.

Circe, eine spätere Tochter des Helios, lebt – umgeben von ihren trauernden Schwestern, den Erlen – auf der Insel Aiaia. Bei ihr strandet Odysseus, dessen Gefährten sie in Schweine verwandelt. Erst mit Hilfe des Krautes Moly (vermutlich einer Lauchart) gelingt es ihm, ihnen ihre menschliche Gestalt wiederzugeben.

Odysseus gelangt auf seinen Irrfahrten auch zur Insel Ogygia, auf der neben anderen Arten auch die Erle wächst. Dort trifft er die Meernymphe Kalypso, die ihn sieben Jahre von der Weiterfahrt abhält.

Die Erle steht in diesen frühen Quellen für Trauer und Trügerisches.

Die Erle bei den Kelten und Germanen

Nach dem Glauben der keltischen Iren entsprang der erste Mann einer Erle, seine Gefährtin einer Eberesche. Der römische Dichter Lucanos (+65 u.Z.) berichtet ebenfalls von der Erlenverehrung der Kelten.

Bei den Südgermanen war es umgekehrt: Der Mann entstand aus der Eberesche und die Frau aus der Erle. Germanen glaubten, dass über die Äste eines Baumes der Mensch von der andersseiten Welt in die diesseitige gelangte, und über die Äste eines Baumes verließ er sie auch wieder. Die Äste waren Sprossen der Leiter zur Erde bzw. in den Götterhimmel. Vor der andersseitigen Welt hatte der Mensch keine Furcht, denn aus den Erfahrungen, die er in der Natur gesammelt hatte, glaubte er sie bereits zu kennen.

Gemeinden, die auch heute noch Else-, Erl- oder Erle im Ortsnamen tragen, gehen zum Teil auf keltische Kultstätten zurück.

Im neuheidnischen, nur angeblich keltischen Baumhoroskop steht die Schwarz-Erle für die Geburtstagswochen 20.-29.3. und 21.-29.8.

Die Erle im Mittelalter

Im 6. Jahrhundert wurden nach altfränkischem Recht über dem Kopf eines Verurteilten vier Erlenstäbe zerbrochen und in verschiedene Richtungen geworfen. Damit wurde er aus der Gemeinschaft verstoßen und die Lossagung des Betroffenen von Haus und Familie symbolisiert. Auf diese Vorgehensweise geht die heutige Redensart über jemanden den Stab brechen zurück.

Die Erle in Volksglauben und Volksbräuchen

Blutende“ Schwarz-Erle

Da Erlen beim Fällen „bluten“ (also das Holz sich rot färbt) und weil sie auf sumpfigen, unwegsamen und oft gefährlichen Standorten wachsen, galten sie seit eh und je als unheimlich. Im germanischen Glauben zählte das Moor zu den Wohnorten der Toten, wovon der mecklenburgische Ausspruch zeugt: „Hei is bie’n liewen Herrgott im Ellernbrauk“ („Er ist beim lieben Herrgott im Erlenbruch“).

Wanderer fürchteten das Erlenweib, das Irle oder Else genannt wurde. Sie wohnte im Morast und versuchte durch Hinterlist Menschen in den Sumpf zu locken. Sie galt als Verkörperung der Erle und wurde mit Hexerei in Verbindung gebracht, wovon sich mehrere Sprichwörter ableiten, etwa folgende: „Rotes Haar und Erlenloden wachsen nicht auf gutem Boden“ oder „Erlenholz und rotes Haar sind aus gutem Grunde rar“.

In der norddeutschen Volkssage werden Übeltäter und böse Menschen, aber auch die dänische Ellefru in Erlen gebannt. Die Ellefru klagt und blutet, wenn man die Axt an den Stamm der Erle legt. Bei Tegernfelden sieht man sie gelegentlich bei Mondlicht, wie sie ihr Haar kämmt. Den Scheitel salbt sie mit Honig, den sie von den Blättern der Erlen streift.

Auch in der Wolfdietrichsage aus dem 13. Jahrhundert wird eine Erlenfrau erwähnt, welche die Zauberei beherrschte. In Pommern wird das „Bluten“ der Erle durch einen Streit zwischen dem Teufel und seiner Großmutter erklärt. Der Teufel habe seine Großmutter mit einem Erlenknüppel blutig geschlagen, so dass der Knüppel rot wurde. In Mecklenburg wird die rote Farbe mit dem blutenden Christus in Verbindung gebracht, der an einem Kreuz aus Erlenholz gestorben sein soll. Sowohl das Holz als auch der Baum versinnbildlichen dabei das Böse.

Im Mittelalter waren Frau Else und die hässlichen Erlfrauen gefürchtet, da sie in der Walpurgisnacht junge Männer jagen sollten, um sie zu vernaschen.

In Ulten bei Meran (Südtirol) beobachtete einst ein Bursche heimlich einen Streit zwischen Hexen, in dessen Verlauf eine von ihnen zerrissen wurde. Der Mann fing eine ihrer Rippen auf. Als der Streit beigelegt war und ihre Freundinnen die Hexe wieder zusammensetzen wollten, wurde die fehlende Rippe notgedrungen durch Erlenholz ersetzt. Dies wurde zur Achillesferse der wieder lebendigen Hexe, denn sie sollte sofort tot umfallen, wenn sie jemand „örlene“ (erlene) Hexe nennen würde. Das geschah schon am nächsten Tag, als der Bauernbursche eines der schönsten Mädchen des Dorfes also ansprach…

Auch in Deutschland wussten die Hexen sich die Erle für ihre Künste dienstbar zu machen, etwa zum Wettermachen: Bei Fischen im Allgäu lebte einst ein altes Weib, dass nur am „Eldreboschen“ rütteln musste, um ein Gewitter herbeizurufen.

Den jungen Mädchen und Frauen hingegen, denen man einen unsoliden Lebenswandel nachsagte, hängte man im Rheinland nicht einen Maibaum (Birke) an die Tür, sondern rote, somit für sich sprechende Erlenzweige.

Schutzbaum Erle (Gleiches mit gleichem heilen)

Im Volksglauben basieren Schutzmittel häufig auf dem Prinzip des Gegenzaubers, wodurch die Erle als Baum des Teufels eine große Bedeutung erlangte. In Thüringen wurden noch zum Ende des 19. Jahrhunderts von den Bauern am Unglückstag Karfreitag Kreuze und Kränze aus Erlenzweigen hergestellt. Erlenzweige wurden auch zum Schutz gegen Hexen in der Walpurgisnacht in Stall und Haus aufgehängt.

Man setzte Erlenzweige aber auch wegen ihrer roten Farbe als magischen Schutz vor Feuersbrünsten ein.

Für den Feldzauber war die Erle in Finnland besonders wichtig: Drei mit rotem Faden zusammengebundene Zweige schützten vor dem bösen Blick. Mit drei Erlenstöcken in der Hand umkreiste man das Feld zur Förderung der Fruchtbarkeit: „Mögen die Rüben so groß werden wie diese Stümpfe“, lauteten die Zauberworte, zu denen an die noch vorhandenen Baumstümpfe der Erle geklopft wurde. Mit dem Zauberspruch: „Dies säe ich für den Frost, dies für die Raupen, dies für den Rost und den Neid“ versprach selbst die Erlenerde Wunder.

Bei der Aussaat wurde das Getreide durch Erlenkränze geschüttet, um die Saat vor Vögeln zu schützen. Ähnliche Ringzauber gab es in Niederschlesien und in Schwaben. In der Schweiz sollte der Befall durch Mehltau mit Erlenzweigen verhindert werden, in Posen, Böhmen und Mähren glaubte man an die Wirkung gegen Maulwürfe, in Hessen gegen Mäuse. Da die jungen Erlenzweige klebrig sind, wurde ihnen auch eine Wirkung gegen angehextes Ungeziefer wie Flöhe und Wanzen zugeschrieben.

Neunerlei-Holz: Aus neun Holzarten gewonnen, deren Namen nicht auf -baum enden, konnte Neunerlei-Holz zum Räuchern, als Absud oder Asche verwendet werden. Die Erle gehörte regelmäßig dazu. Auf einem Schemel aus Neunerlei-Holz sitzend konnte man Hexen erkennen.

Erle als Wünschelrute und Orakel

Auch als Wünschelruten wurden neben den Haselzweigen Erlenzweige verwandt. Mit ihnen konnten nicht nur verlorene Gegenstände oder Schätze gefunden, sondern auch wahrgesagt werden.

In der Oberpfalz blickte mit mit den Erlenblättern in die Zukunft: Güte und Umfang der Krauternte wurden anhand des Zustands und der Vitalität junger Erlenblätter bestimmt. Schwach belaubte Erlen verkündeten ein schlechtes Jahr.

In Mecklenburg hieß es: „Ellernholz voller Knöpfe (Früchte) bringt volle Töpfe.“

Sinkt in Finnland ein ins Wasser geworfener Erlenzweig auf den Grund, dann ist es Zeit, Gerste zu säen. In Estland sät man Gerste, wenn die weiblichen Blüten der Erle ausschlagen, Roggen dagegen, wenn die männlichen Kätzchen blühen.

Zeisig und Erle

Das Nest des kleinen Vogels ist sehr schwer zu finden. Man glaubte im Mittelalter, es könne nur indirekt im Wasserspiegel gesehen werden: Mit einem Blendstein im Nest mache der Zeisig das Nest ansonsten unsichtbar. In Bayern und Tirol war man sich sicher, dass der Zeisig bevorzugt auf Erlen niste. Wichtig zu wissen, wenn man den Blendstein oder ein Zeisigei rauben wollte, um sich damit die Kraft des Zeisigs zu eigen zu machen – denn so konnte man unsichtbar werden oder sich in jede beliebige Gestalt verwandeln.

Erlkönig

Der Ausdruck Erlkönig wurde von Herder 1778 in die Literatur eingeführt, als er die dänische Volksballade Herr Oluf ins Deutsche übersetzte. Dabei hat er das dänische Wort Ellerkonge für Elfenkönig als Erlkönig übersetzt. Das Stück handelt vom jungen Oluf, der auf dem Weg zu seiner Hochzeit ist. Während der nächtlichen Wanderung begegnet er der Tochter des Elfenkönigs, die ihn zum Tanz auffordert. Er lehnt ab, worauf ihn das Mädchen von sich stößt. Am nächsten Morgen wird er von seiner Braut nur noch tot aufgefunden.

Goethe nimmt den Ausdruck in seiner Ballade Erlkönig wieder auf (1782 verfasst für das Singspiel „Die Fischerin“). Er beschreibt jetzt jedoch das Zusammentreffen des Erlkönigs mit einem Vater und seinem Kind, das für den Knaben tödlich endet:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Es gibt von diesem Gedicht mindestens 131 Vertonungen, unter anderem im 19. Jahrhundert von Franz Schubert oder auch (sehr empfehlenswert!) 2002 von Achim Reichel auf seiner CD „Wilder Wassermann“.

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