Heimische Zauberin: Der Beifuß (Artemisia vulgaris)

 

Volkstümliche Bezeichnungen Dianakraut, Fliegenkraut, Gänsekraut, Hexenkraut, Himmelskehr, Johannesgürtelkraut, Jungfernkraut, Machtwurz, Sonnenwendkraut, Teufelsflucht, Thorwurz
Blütezeit 7-11
Blütenfarbe Rotbraun oder gelblich
Inhaltsstoffe Ätherische Öle: Kampfer, Thujon, 1,8-Cineol, Linalool. Gerb- und Bitterstoffe.
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Bei uns nur volksheilkundlich bei Menstruationsbeschwerden, der Geburt und bei Appetitlosigkeit, wissenschaftlich betrachtet Negativbewertung: Eine Wirksamkeit konnte nicht nachgewiesen werden. Allergische Reaktionen sind möglich. Die asiatische Form wird von den Chinesen für die Moxa-Therapie verwendet.
Zauberpflanzenkategorie (i), 1-10
Essbar? Ja. Gewürz für Wild und Gans (zur Fettverdauung). In kleinen Mengen Triebspitzen, Blätter und Blüten 4-10, Wurzel im Frühjahr und Herbst. Nicht in der Schwangerschaft anwenden (außer – wenn auch lediglich volksheilkundlich – zu Erleichterung der Geburt)!

 

Die größte heimische Zauberpflanze überhaupt ist der Beifuß, schon von den Menschen der Altsteinzeit hoch geschätzt. Er zählt zu den neun heiligen Pflanzen, und Walahfried Strabo nennt ihn im 9. Jahrhundert die „Mutter der Kräuter“ (Herbarum matrem). Und im Angelsächsischen Kräutersegen aus dem 11. Jahrhundert heißt es übersetzt:

Erinnerst du dich, Beifuß, was du verkündest?

Was du anordnest in feierlicher Kundgebung?

Una heißest du, das älteste der Kräuter.

Du hast Macht gegen drei und gegen dreißig.

Du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung.

Du hast Macht gegen das Übel,

das über das Land hinfährt.

In einem 60.000 Jahre alten Neandertaler-Grab bei Shanidar im irakischen Kurdistan wurde einer der Toten (vielleicht der Schamane der Gruppe?) auf blühende Kräuter gebettet, darunter den Beifuß, aber auch Schafgarbe, Flockenblumen, Greiskräuter, Traubenhyazinthe, Malve, Eibisch und Meerträubel.

Weniger bitter als sein Bruder, der Wermut, regt der Beifuß trotzdem die Verdauung an und wird in manchen Gegenden zum Vertreiben von Fliegen, Mücken und Flöhen benutzt („Fliegenkraut“).

Magisch betrachtet, gilt die Pflanze als weiblich, dem Planeten Venus und dem Mond, der Erde und der Göttin Artemis/Diana zugeordnet, hilfreich gegen Frauenleiden jeder Art, vor allem zur Einleitung der Menstruation und Geburt.

Er soll Stärke und übersinnliche Fähigkeiten verleihen, Schutz und Heilung geben sowie Astralprojektionen ermöglichen.

Bei langen Wanderungen soll man sich Beifuß in die Schuhe stecken, um nicht zu ermüden (schon gemäß Plinius). Gleichzeitig schützt er allgemein bei gefährlichen Reisen, vor wilden Tieren und Sonnenstich:

Wer dies kreüter bey ihm hat / dem kan khein gifftig thier / noch andere schedliche ding / nachteyl unnd schaden bringen. So einer der über land reyst / Beyfuß bey ihm tregt / so vertreibt es die muede.“ (Fuchs, a.a.O., Cap. XIII)

Schläft man auf einem mit Beifuß gefüllten Kissen, so erlebt man prophetische Wahrträume.

Wenn man magische Spiegel oder Kristallkugeln mit Beifuß einreibt, soll deren Kraft verstärkt werden.

Beifuß dient außerdem als Aphrodisiakum und zur Steigerung der Fruchtbarkeit, zu Vorbeugung gegen Rückenschmerzen, Epilepsie und Hysterie.

Die Wurzel wird selten gebraucht, einige machen viel Wesens von den Beyfußkohlen, welche nichts anders sind, als die alten, abgestorbenen schwarzen Wurzeln davon, sie sollen ein zuverlässiges Mittel wider die fallende Krankheit (= Epilepsie) sein, und im Sommer um den Johannistag gesammelt werden…“ (Albrecht von Haller (Hrsg.): Onomatologia medica completa oder Medicinisches Lexikon, Ulm 1755, Spalte 140)

Am wirksamsten ist der am Johannistag (24.6.) oder zur Sommersonnenwende (21.6.) gepflückte Beifuß: Er spielte eine wichtige Rolle im Mittsommerkult, wo er zu einem Gürtel geflochten wurde, um damit um das Sonnenwendfeuer zu tanzen oder darüber zu springen. Anschließend wurde dieser Gürtel „zusammen mit allen Anfeindungen“ im Feuer verbrannt – dies sollte das ganze Jahr vor Krankheiten schützen. Danach legten sich die Liebespaare auf ein Beifußlager und verbrachten die Nacht gemeinsam… Schon der germanische Donnergott Thor besaß solch einen Gürtel aus Beifuß, genannt Megingjardr, der seine Kräfte verstärken sollte. Allerdings war die Pflanze nicht ihm, sondern der Liebesgöttin Freya undGöttervater Odin gewidmet, die sich ebenfalls mit ihm gürteten.

Kulturhistorisch ist der Beifuß mit einer Göttin verbunden, der noch älter ist als Freya: Mit Frau Holle (den meisten von uns nur noch aus dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm bekannt), Großmutter aller Geschöpfe, Wettermacherin und Beschützerin der Toten. Sie fliegt mit einer Gänseschar, und vielleicht liegt es daran, dass wir auch heute noch just den Gänsebraten mit Beifuß würzen.

Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl fühlt sich der Pflanze besonders stark verbunden: Seine erzgebirgische Großmutter hatte vor ihr Küchenfenster zwei Fichten und einen Beifuß gepflanzt und als ein SED-Funktionär die Bäume fällte und den Beifuß herausriss, wurde die Großmutter krank. „Kein Kraut half ihr mehr, und sie starb. Ohne ihre pflanzlichen Verbündeten konnte sie nicht leben“, schreibt Storl (a.a.O., S. 164).

Auch die Wurzel des Beifußes, als Amulett getragen, sollte die Kräfte seines Trägers vervielfachen.

Nicht nur zur Sommersonnenwende, sondern auch ein halbes Jahr später während der zwölf Rauhnächte im Haus aufgehängt, verwehrt die Pflanze Elfen und bösen Geistern den Zutritt. Auch geräuchert wurde zu diesen Zeiten mit ihm – vermutlich schon bei den Germanen. Alternativ konnte man den Beifuß unter der Türschwelle vergraben – er ist ein sogenanntes Schwellenkraut: „Beifuß im Haus treibt den Teufel in die Flucht.“

Behexte Milch und verschriene Eier wurden durch einen Schlag mit dem Beifußstängel entzaubert.

Auch zu den Wetterpflanzen zählte er früher: Die Bauern verräucherten ihn, um sich vor einem herannahenden Gewitter zu schützen.

Im Rahmen der Christianisierung wurde der Beifuß in den Kräuterstrauß aufgenommen, den man an Mariä Himmelfahrt in der Kirche segnen ließ.

Da der Beifuß als sog. Unkraut an spannungsgeladenen Orten wächst, wird er von Neuheiden verräuchert, um Spannungen abzubauen, sich für die eigenen spirituellen Kräfte zu öffnen und eine klare Sicht der Zukunft zu erlangen: Er soll das Dritte Auge öffnen. Aber auch die nordischen Schamaninnen rieben sich mit dem Kraut ein, ehe sie in die Oberwelt flogen.

Beifuß galt im Mittelalter als sehr wirksames Mittel gegen und für Hexerei. Er war Bestandteil vieler magischer Rezepturen. Am Dachfirst nach unten gehängt, wehrt Beifuß angeblich Blitze ab und hält Seuchen fern. Ähnliches gilt für die Thorellensteine (auch Narrenkohle genannt), die man dem Glauben nach am Johannistag an den Wurzeln der Pflanze findet:

Die magi grabe diße wurtzel vff S. Johanns abent / so die sonn vndergadt / so finden sye darbey schwartze köernlin an der wurtzelen hangen. Vndd das dem also / hab ich selb gesehen / ist ein sonderlich geheymnussz was damit gehandlet würt…“ (Otto Brunfels, Kräuterbuch, Straßburg 1532, S. 237)

Diese Narrensteine waren im Aberglauben hochgeschätzt, denn sie konnten Krankheiten heilen oder sich in Gold verwandeln. In Mecklenburg hieß es: Wenn man am Johannistag mittags um 12 Uhr unter einer Beifußstaude gräbt, findet man unter der Wurzel eine brennende Kohle. Man muss sich aber eilen, sie wegzunehmen, denn sonst ist sie nach dem letzten Glockenschlag verschwunden!

Die Litauer glaubten, man finde diese Kohle in der Johannisnacht zwischen 23 und 24 Uhr. Sie werde aber von einem schwarzen Hunde mit tellergroßen, rot glühenden Augen bewacht und deshalb schwer zu bekommen. Wem es jedoch gelänge, könne mit ihr Fieber heilen.

Traurige Berühmtheit erreichte der Beifuß im 20. Jahrhundert mit dem Kraftwerksunfall von Tschernobyl 1986 – denn Tschernobyl heißt übersetzt nichts anderes als: Beifuß!

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