Macht unverwundbar: Der Allermannsharnisch (Allium victorialis)

Volkstümliche Bezeichnungen Alpen-Knoblauch, Alraun, Glücksmännel, Neunhäuterwurz, Schlangenwurz, (Lange) Siegwurz
Blütezeit 6-8
Blütenfarbe Gelblichgrün bis weiß
Inhaltsstoffe Schwefelhaltiges ätherisches Öl
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Nur volksheilkundlich, als Blutreinigungsmittel im Frühjahr
Zauberpflanzenkategorie (f), (i), 4, 5
Essbar? Ja. Zwiebel mit knoblauchartigem Geschmack.

 

Diese Lauch-Art ist eine echte Zauberpflanze. Ihre netzfaserige Zwiebelhülle, die wie ein Harnisch aussieht, versprach dem Träger kettenhemdartigen Schutz: Sie machte hieb- und stichfest und verhalf zum Sieg.

Parallel dazu wandte man ihn zum Blut Stillen an und um Frauen die Geburt zu erleichtern. Marktschreier im Mittelalter nähten sie außerdem in Seide ein und verkauften sie für teures Geld als Amulett besonders gegen Gicht, „böse Luft“ und Behexung.

Wer sich die Zwiebel umhing oder sie in der Hosentasche bei sich trug, brauchte den Teufel und die bösen Geister, Gespenster, Gnome, Poltergeister und Bergmännlein nicht zu fürchten. Kreuzweise über die Stalltür genagelt, sollte sie das Vieh vier Jahre vor Hexen bewahren, und den Kindern in die Wiege gelegt, sollte sie sie vor dem Verschreien (Verzaubern) schützen.

Eine Schweizer Sage erzählt, dass sich Zwerge auf dem Rückzug vor unserer Zivilisation in den Wurzelstock des Allermannsharnischs verwandelten.

Eine Sage aus dem Harz wiederum berichtet von einem Mädchen, das ein böser Geist verführen wollte. Sie wehrte ihn mit Allermannsharnisch ab, woraufhin der Geist wütend rief: „Allermannsharnisch, du böses Kraut, hast mir genommen meine junge Braut.“

Nach Carolus Clusius schließlich sollte die Pflanze sogar Bergnebel vertreiben.

Auch der volkstümliche Name Neunhäuterwurz, weist mit der magischen Zahl Neun auf die große Zauberkraft dieser Pflanze hin.

Eduard Mörike erwähnt die Pflanze in seinem „Stuttgarter Hutzelmännlein“. Nach einer Begegnung mit dem zauberkundigen Hutzelmännlein glaubt ein Schustermeister, dieses wolle das Rezept für einen Theriak, also eine Universalmedizin, von ihm kaufen, nachdem er von einem „Pulver“ geträumt hatte:

Selle Nacht aber ist es mir wampel gewesen, mag leicht sein, hat mir‘s traumt vom güldnen Magen-Triet, so allein der König in Persia hat. – – Es gibt ein Kräutlein, heißt Allermanns-Harnisch, und gibt ein anders, das heißt Dierletei, und wieder eins, Mamortica: kein Wurzler hat‘s noch Krämer. Daraus hat meiner Mutter selig ihre G‘schwey eine Salben gemacht, die war vor alles gut.“

Während das Dierletei der Wissenschaft nach wie vor völlig unbekannt ist, verbirgt sich hinter der dritten Pflanze, Mamortica, möglicherweise die Bittermelone (Momordica charantia), eine tropische, also schwer erhältliche Pflanze mit vielfältigen pharmazeutischen Wirkungen. Auch der zur selben Familie gehörende Balsamapfel wäre möglich. Er soll wundheilend sein, was zum eigentlichen Wunsch des Hutzelmännleins passt: Es sucht nach einem Rezept für Schießpulver, was zum Zeitpunkt der Geschichte im Schwabenland noch nicht „ge-/ erfunden“ war. Der Schuster rät also dran vorbei und sucht nach dem genauen Gegenteil, wundheilenden Pflanzen.

Die verschiedenen Bezeichnungen des Allermannsharnisch sind ganz allgemein ein schönes Beispiel für das Verhältnis zwischen Mensch und Pflanze, wie es im Altertum und Mittelalter vorherrschte. Aufgrund vorgefundener äußerlicher Merkmale (der sogenannten Signatur) wurden den Pflanzen spezifische Zauberkräfte zugesprochen. Teil dieser Sichtweise war auch die Unterscheidung in männliche (mas) und weibliche (foemina) Pflanzen, die dem gemeinsamen Namen Victorialis angefügt wurden.

Ein menschenähnlich geformter Wurzelstock hieß Glücks-Heinzel oder Galgenmännchen. Wer ihn um den Hals trug, sollte gefeit sein gegen alle bösen Einflüsse, Glück in der Liebe und im Spiel haben und von dem Gift der Schlangen verschont bleiben. Solche Wurzelstöcke hießen auch Alraun (auch wenn zur eigentlichen Alraune, der Mandragora officinalis, keine Verwandtschaft besteht). Zwei menschenähnlich zurecht geschnitzte Allermannsharnisch-Alraunen aus dem Besitz Kaiser Rudolfs II. (1552-1612) wurde in der Wiener Hofbibliothek aufbewahrt. Sie waren ursprünglich mit Hemd, Lederkappe und Samtmantel bekleidet gewesen.

Wie zäh sich der Siegwurz-Alraun-Glaube gehalten hat, erkennen wir an einem Bericht des Publizisten Johannes Trojan (1910): Er erwarb zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Berliner Kaufhaus Wertheim einen „Glücksalraun“ in einem kleinen Medaillon. Das Stück kostete nur 2,25 Mark – ein Schnäppchen im Vergleich zu den Preisen im Mittelalter. Unter Glas enthielt das Medaillon zwei Fasern eines braunen Pflanzengewebes. Die botanische Untersuchung ergab, dass die eine Faser von der Langen Siegwurz, dem Allermannsharnisch also, die andere von der Runden Siegwurz stammte, dem Schwertel (Gladiolus communis), der in einigen Gegenden Deutschlands ähnliche Verehrung genoss wie unser A. victorialis.

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