Magische Samen: Wald-Frauenfarn (Athyrium filix-femina) und Wurmfarn (Dryopteris filix-mas)

Wald-Frauenfarn

Volkstümliche Bezeichnungen Farnkrautmännchen (Wurmfarn) und Farnkrautweibchen (Frauenfarn), Hexenkraut, Irrkraut, Otterkraut, Teufelsklaue, Teufelsleiter, Teufelsrippen, Teufelswische, Walpurgisstaberl
Blütezeit Keine (Farn)
Blütenfarbe Keine Blüten, keine Samen, sondern Sporenhäufchen auf der Unterseite der Wedel.
Inhaltsstoffe Gerbstoffe, ätherische Öle, Bitterstoffe
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Beide Farne: keine. Wurmfarn wird volksheilkundlich innerlich gegen Würmer und zum Abtreiben eingesetzt, es kann dabei jedoch leicht zu tödlichen Vergiftungen kommen. Eine äußerliche Anwendung ist wirkungslos.
Zauberpflanzenkategorie (l), 1, 2, 3, 5, 7
Essbar? Frauenfarn: Nicht üblich, da leicht mit dem giftigen Wurmfarn zu verwechseln.

 

Der Frauenfarn ähnelt dem Wurmfarn, ist aber weniger derb und kleiner als er und enthält nicht die giftige Filixsäure. Aufgrund dieser äußerlichen Ähnlichkeit hielt man die beiden Arten früher für Männchen und Weibchen derselben Art. Daher kommt der deutsche Name Frauenfarn ebenso wie die wissenschaftliche Bezeichnung filix-femina (= Farn weiblich) und filix-mas (Farn männlich). Man stellte sich vor, dass der Farn sich mit Hilfe der beiden Geschlechter fortpflanzen könne und deshalb keine Samen benötige. Wissenschaftlich betrachtet gehören die beiden Farne lediglich zur selben Ordnung (Tüpfelfarnartige), aber weder zur selben Familie noch zur selben Gattung. Unterscheidungsmerkmal: Frauenfarn ist verzweigt, Wurmfarn nicht.

Noch Leonhart Fuchs behandelt 1543 Waldtfarn mennle und Waldtfarn weiblein in einem Kapitel und schreibt beiden die gleiche Wirkung zu (wurmtreibend und abortiv). Ferner: „Die bletter toedten die wantzen / vertreiben die natern und ander ungezifer. Darumb sol man dies bletter dem viech understrewen / so seind sie alsdann sicher von gedachtem ungezifer. Der rauch vonn disen blettern vertreibt auch die natern und dergleichen ungezifer und gewürme.“ (a.a.O., Cap. CCXXVII).

Unaufgerollte Farnwedel der männlichen Pflanze sollte man zum Schutz vor Hexen und Unglück durch den Rauch des Sonnenwendfeuers ziehen oder aus dem Wurzelstock kleine Hände schnitzen und als Amulett tragen (das sogenannte Johannis- oder Glückshändchen). Auch zur Herstellung der nie fehlenden Freikugeln benötigte man solch ein Glückshändchen.

Zum Schutz des Stalles hängte man dort Farnwedel auf. Hildegard von Bingen war der Ansicht, dass der Teufel und sein höllischer Anhang den Farn fürchteten. Sie wagten es nicht, an Orten ihr Unwesen zu treiben, an denen Farne wuchsen.

Farn im Freien verbrannt galt als starker Regenzauber, die Räucherung als Schutz vor fremden Energien.

Auf Farnwurzeln zu treten, konnte sehr gefährlich sein, denn manche von ihnen waren in Wirklichkeit Irrwurzeln: Wenn man auf sie trat, verirrte man sich rettungslos im Wald und fand nie mehr nach Hause zurück oder ging stundenlang im Kreis herum. Dagegen half nur, die Schuhe zu vertauschen oder die Schürze abzulegen und verkehrt herum wieder umzubinden. Eine Sage aus dem Niederbayerischen erzählt:

Da hat einmal die Bachhuberbäuerin Schmalz nach Straubing auf den Markt bringen wollen. Da sie schon recht frühzeitig in der Stadt sein wollte, machte sie sich schon um Mitternacht auf den Weg. Sie ging durch einen Wald, der unmittelbar neben dem Anwesen begann und zum Hof gehörte. Gleich beim Betreten des Waldes muss sie aber auf eine Irrwurz getreten sein. Sie irrte nämlich die ganze Nacht im Wald herum, ohne einen Ausweg aus dem ihr sonst so wohlbekannten Walde zu finden, der nicht einmal groß war. Erst als der Morgen dämmerte, erkannte sie, dass sie noch immer unmittelbar vor ihrem Bauernhof stand.

Dem Volksglauben nach blühte und trieb das Farnkraut nur in der Johannis- und Weihnacht Samen. Aber sowohl Blüte als auch Samen verschwünden noch in denselben Nächten, hieß es. Wollte man Farnsamen sammeln, müsste man in den besagten Nächten nackt zu einem Farn gehen, der auf einem Kreuzweg wuchs, denn dieser hätte ganz besonders segensbringende Kräfte. In der Weihnachtsnacht dürfte das wohl kaum jemand gewagt haben, brrr! Farnsamen sollten ihren Besitzer glücklich, reich und bei Bedarf unsichtbar machen und ließen ihn die Sprache der Tiere verstehen. Auch Schätze und Kristalle konnte man mit Farnsamen finden. Sogar den magischen „Erdspiegel“, in dem man alles sehen konnte, was auf der Erde vor sich ging, konnte mit Hilfe von Farnsamen herstellen.

Eine Sage aus dem Westfälischen beschreibt die wundersamen Eigenschaften dieses Farnsamens:

Ein Mann aus Bergkirchen suchte einmal in der Johannisnacht sein verlorenes Fohlen, und wie er so durch den Wald streifte, geriet ihm der Farnsamen in die Schuhe, ohne dass er es merkte. Der Morgens kehrte der Mann unverrichteter Dinge nach Hause zurück, trat in die Stube und setzte sich. Es kam ihm seltsam vor, dass Frau und Hausgenossen ihn so gar nicht beachteten. Da sprach er: „Das Fohlen habe ich nicht gefunden.“ Alle, die in der Stube waren, erschraken. Sie hatten seine Stimme gehört, sahen aber niemanden. Da rief ihn die Frau beim Namen und meinte, er müsse sich wohl versteckt haben. Der Mann stand auf, stellte sich mitten in die Stube und sagte: „Was rufst du, Weib, ich stehe ja hier ganz nahe vor dir.“ Da wurde das Grauen der Anwesenden noch größer, denn sie hatten den Mann aufstehen und gehen hören und sahen doch nichts. Der Mann merkte nun, dass er unsichtbar war und dachte sich, er möchte wohl Farnsamen in den Schuhen haben, denn es drückte und zwickte ihn, als ob er Sand darin hätte. Er zog die Schuhe aus und drehte sie um. Und wie er das tat, stand er sichtbar da vor allen.

Aber es gab auch andere Möglichkeiten, sich Farnsamen zu beschaffen: Man konnte seine Seele dem Teufel verschreiben und erhielt dafür dann den Farnsamen. Oder man sollte in der gesamten Adventszeit nicht zur Kirche gehen und nicht beten, sondern sich stattdessen mit teuflischen Gedanken beschäftigen. In der Weihnacht musste man sich dann zwischen 23 Uhr und Mitternacht auf einen Kreuzweg stellen, über den schon Leichen getragen worden waren. Während der ganzen Zeit, in der einem bekannte und unbekannte Verstorbene begegneten, durfte man sich weder regen noch eine Miene verziehen. Bestand man den Test, bekam man pünktlich um Mitternacht Farnsamen überreicht.

Brunfels schreibt 1532 in seinem Kräuterbuch über den magischen Samen:

Kein kraut ist da meer hexenwerck / und teuffels gespenst mit getriben würt. Ich muß hye mit gewalt mich lassen bereden / wie dießes kraut ein samen trage / welchen es auf Sankt Johannsnacht würfft (…) Und dießer samen würt auch nit yedermann zu theyl / sondern muß man zuvor dz kraut beschwören / und den teuffel darüber anruffen / und alsdann so schwitzet es wie ein gummi tröpflin, welche gleich uff stund hart werden / und zu einem schwartzen samen / welcher mir auch von etlich ist gezeygt worden. Mag war sein, mag auch wol teuffels gespenst sein. Es ye solcher samen nyemants gedeyen (wie sy sagen) dann allein uff S. Johannsnacht / und auch nicht / dann mit vorgegangener conjuration (Beschwörung) / doch eine anders weder die andere. Dann hye hör ich / dz auch einer nit braucht handtgebärd wie der andere. Halt es für ein lauter Gauckelwerk. Dann ist es ein natürlich ding mit dießem samen / was bedarf es solicher conjuration / und den teuffel darüber anzuruffen / oder auch darvon zu treiben / so würt die natur ihre wirckungen selber thun / onbeschwören und ungesägnet. Ist es kein natürlich ding / so ist es gewißlich ein gespenst und betrügnuß (…) Solchs hab ich hye müssen anzeygen von den Faren / damit ich nit gar nichts davon sagte. Es werden aber die Farenbeschwörer / vileicht über mich zürnen, da ligt nicht vil an.“

Hieronymus Bock erzählt in seinem 1551 erschienen Kräuterbuch, dass die alten Frauen den Sporenstaub der Farnblätter sammeln und fälschlich als Farnsamen ausgeben. Er hatte gehört, dass das Samenholen in der Jonannisnacht gefährlich sei und man es vielleicht auch mit dem Teufel zu tun bekomme. Als guter Naturbeobachter will er sich aber selber überzeugen. Ganz geheuer scheint ihm die Sache nicht gewesen zu sein, denn er schreibt, dass er zum Samensammeln zwei weitere Männer mitgenommen habe. Man entfachte ein großes Feuer im Wald und wartete. Sollte Bock echten Farnsamen gefunden oder den Teufel getroffen haben, so erfahren wir davon nichts.

Und obwohl auch Leonhart Fuchs 1543 in seinem Kräuterbuch mitteilte, dass es solche Farnsamen gar nicht gibt, erließ noch Herzog Maximilian 1611 ein Verbot, Farnsamen zu sammeln, so stark war der Glaube – nicht nur gemeinen im Volk – an sie.

Wie man den Farnsamen gewinnen könnte, erfahren wir noch im Jahre 1650 aus schwäbischen Hexenprozessakten. Der angebliche Zauberer Michael Pusper aus Rottenburg am Neckar beteuerte selbst unter der Folter, er habe nie selbst Farnsamen gesammelt und wisse lediglich, wie dies in der Johannisnacht gemacht werde: Man nehme eine Haselnusswurzel und ziehe mit dieser zwischen 23 Uhr und Mitternacht auf einem Kreuzweg einen Ring um sich und eine der seltenen weiß blühenden Wegwarten (Cichorium intybus). Dabei dürfe man nicht reden. Nun würden sich allerlei Erscheinungen zeigen: Verwandte, Freunde, aber auch Hunde und so weiter. Um Mitternacht müsse man an die Wegwartenwurzel schlagen, nachdem man ein Tierfell unter ihr ausgebreitet habe. Sogleich würde ein Stängel aus ihr herauswachsen und sofort ein Samen zur Erde fallen. Dies sei der Farnsamen, den man sodann in einem Federröhrchen verwahren solle. Das Geständnis hat Pusper wenig genützt, der Unglückliche wurde noch im selben Jahr enthauptet.

Mit Farnsamen kann man auch Schätze heben, und er schafft Glück bei allen Unternehmungen, daher die schwäbische Redensart von einem Glückspilz: „Der hat de Farnsame g’holt.“ Die Johannisblüte des Farns, die in der Mitternachtsstunde der Johannisnacht erscheint, ist dem Farnsamen gleichzusetzen in ihrer Kraft. Sie macht fest, das heißt unverwundbar. Im Jahre 1601 sollte in Erfurt ein Mann mit dem Schwert hingerichtet werden. Als er niederkniete, sprach der Scharfrichter zu ihm: „Ich höre, du seiest fest; darum rat ich dir, mach dir und mir keine weitere Mühe und Ungelegenheit.“ Der Verurteilte antwortete: „Ja, es ist wahr, allhier steckt’s unter meinem rechten Arm, nimm es hin!“ Da nahm es der Henker und sagte nachher, es wäre getrocknete Johannisblüte.

Den Glauben an die Farnblüte gab es auch bei den Slawen. Felix Haase berichtet in „Volksglaube und Brauchtum der Ostslawen (Breslau 1939):

Am Vorabend der Johannistages kann man die Blüte des paporotnik (russischer Name des Farnkrauts) erreichen. Man muss dabei die Kerze anzünden, die in der Weihnachtszeit beim Morgengottesdienst brannte und sprechen: „Ja, Gott ist auferstanden.“ Die ‚unreine Kraft‘ stört den Menschen dabei in jeder Weise. Um den paporotnik liegen Schlangen und Ungeheuer. Sie warten gierig auf den Augenblick des Erblühens des paporotniks. Kaum bemüht sich der Mensch, die Blüte abzureißen, da öffnet sich die Erde, Donnerschläge ertönen, Blitze leuchten, Stürme brausen, teuflisches Gelächter erschallt, Höllenflammen umgeben den Mensch. Tritt er aus dem (mit einem Messer) gezeichneten Kreis heraus, so zerreißen ihn die Teufel. Hat der Mensch die Blüte herausgerissen, so muss er, ohne sich umzusehen, nach Hause laufen. Sieht er sich um, so ist alles vergeblich gewesen.“

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