Schamanenbaum: Die Birke (Betula pendula u. a.)

Birken im Winter, (c) Barbara Pfeifer

Volkstümliche Bezeichnungen Besenreis, Björg (altnordisch), Feenholz, Hexenbesen, Hexenbirke, Maibusch, Rabenblutbaum, Weißbirke
Blütezeit 4-5
Blütenfarbe gelbgrün
Inhaltsstoffe Blätter: Flavonoide, Saponine, ätherisches Öl, Gerbstoffe, Vitamin C. Blutungssaft: bis zu 2% Traubenzucker und Mineralstoffe. Rinde: Terpene wie Betulin (entzündungs- und tumorhemmend, antiviral)
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Blätter als Tee zur Durchspülung bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß sowie zur unterstützenden Behandlung rheumatischer Beschwerden (nicht bei Ödemen infolge eingeschränkter Herz- oder Nierentätigkeit anwenden). Wirkung: harntreibend.
Zauberpflanzenkategorie (b), 2, 3, 5
Essbar? Ja. Saft, Rinde und Knospen im Frühjahr, Blätter 6-9.

 

Wasserfester keltischer Rindenhut, Vorratsdosen der Gletschermumie „Ötzi“ (wie sie auch heute noch in Sibirien hergestellt werden), Kanu, Birkenzucker, Kaugummi der Steinzeit, Birkensaft, Birkenteer, Birkenchampagner, Tee für die Frühjahrskur, junge Blätter in den Salat, alte Blätter als Waschmittel, Birkenholzmöbel, Brennholz für den Kamin, Birkenwasser gegen Haarausfall, Reisigbesen, Juchtenöl für Leder, Birkenpech als Klebstoff: Die Anwendungsmöglichkeiten der Birke sind unzählig, und so hat die anpassungsfähige Überlebenskünstlerin das Überleben der Menschen schon seit Jahrtausenden gesichert und erleichtert. Nicht zuletzt, weil ihr Holz auch schon im frischen Zustand brennt und nicht erst noch mühsam getrocknet werden muss.

Sie zählte zu den wichtigsten Kraftbäumen der Kelten. Feuermachen symbolisierte für dieses Volk eine geschlechtliche Zeugung. Dafür wurden Quirlstäbe aus hartem „männlichen“ Holz verwendet (Esche, Eiche, Buche) – die weichere Unterlage bestand hingegen aus „weiblichem“ Holz (Birke, Pappel oder Weide). Beim Drehen erzeugten die beiden Hölzer dann das „Feuerkind“: Das deutsche Wort Kind und das englische Wort „to kindle“ = zünden haben denselben Ursprung.

Die Kelten weihten den weißen Baum der Göttin Birgit/Brigid/Bride („die Helle“, „die Strahlende“, „die Schimmernde“, „die Glänzende“), Schutzpatronin für Ärzte, Schmiede und Dichter. Ihr Lichterfest Imbolc wurde in Irland am 1. Februar gefeiert und galt der Reinigung und Fruchtbarkeit. Im Rahmen der Christianisierung entstand daraus Mariä Lichtmess / Mariä Reinigung am 2. Februar. Dieser Tag gilt in den USA auch heute noch als Groundhog Day, an dem man aus dem Schattenwerfen eines Murmeltiers auf die restliche Länge des Winters schließen will.

Am Palmsonntag begann bei den Christen die stille Karwoche. Bei mittelalterlichen Palmsonntagsumzügen wurden die Palmbuschen in feierlichen Prozessionen in den frisch gepflügten Acker gesteckt oder vor Haus und Garten aufgestellt. In Norddeutschland wurde für den Palmbuschen Birkenzweige oder Salweide verwendet.

Die mit Eiern geschmückten Osterbirken symbolisieren den Sieg über den Winter, und die bunt dekorierten Maibäume erfreuen nach wie vor die Herzen, nicht nur die der Verliebten. Heute noch stellen die jungen Männer ihren Angebeteten kleine Birkenschösslinge oder -buschen vor die Tür, um die junge Liebe zu schützen und zu festigen. Wikipedia schreibt dazu:

Daneben (=neben dem Aufstellen eines großen Maibaumes in der Dorfmitte) gibt es auch den Brauch, dass die jungen, unverheirateten Männer eines Dorfes vor den Häusern aller unverheirateten Frauen kleinere Maibäume, sogenannte Maien (…), als „Gunstbeweis“ aufstellen. In einigen Teilen Deutschlands, zum Beispiel (…) in Schwaben, ist es üblich, dass männliche Jugendliche und junge Männer am Haus der Freundin oder Angebeteten einen Baum anbringen. Üblich sind vor allem mit buntem Krepp-Papier geschmückte Birken, wobei die Farbe der Bänder ursprünglich eine Bedeutung hatte. Je nach örtlichem Brauchtum kann auch am Baum ein sogenanntes Maiherz aus Holz oder festem Karton angebracht werden, in das der Name der Angebeteten eingraviert und in der Regel auch ein Spruch als Zuneigungsbekundung geschrieben wird.

Der Maibaum bleibt einen Monat lang stehen, bis zum ersten Juni. Dann holt derjenige den Maibaum ab, der ihn gestellt hat. Üblicherweise wird dies, wenn die Frau ihn mag, mit einer Einladung zum Essen und mit einem Kasten Bier belohnt. Es gibt allerdings auch die Tradition, dass der junge Mann, der den Baum wieder abholt, von der Mutter der Frau einen Kuchen, vom Vater einen Kasten Bier und von ihr selbst einen Kuss bekommt. Kuchen und Bier werden in der Regel an diejenigen Junggesellen verteilt, die den Baum „auslösen“. Dies sind oft die gleichen, welche schon beim Setzen geholfen haben. Nachdem der Baum ausgelöst wurde, kann die Frau eine dünne Scheibe vom Fuß des Stammes absägen und dieses als Erinnerungsstück behalten. Üblicherweise geschieht das im Beisein der Junggesellen, bevor der Baum abtransportiert wird.

In einem Schaltjahr kann es umgekehrt sein: Weibliche Jugendliche, junge Frauen und verheiratete Männer stellen teilweise auch ihrerseits Maibäume auf.

In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Brauch in vielen Teilen Deutschlands aufgeweicht, angesehene Mädchen und junge Frauen erhalten oftmals sogar mehrere Maibäume ohne Beziehungsabsichten. Soweit ist das immer noch ein Gunstbeweis, oftmals aber auch nicht mehr. In manchen Orten am Niederrhein setzen die Mädchen und jungen Frauen der Landjugend selber den Jungen und jungen Männern Maibäume.

Das Gegenstück zum Maibaum als Gunstbeweis ist der sogenannte Schandmaien, der eine bösgemeinte Heimzahlung darstellt.“

Der Schandmaien ist ein verdorrter Zweig oder Besen, der statt eines schönen grünen Maien in den Vorgarten gesetzt wird. Manchmal wird er zusätzlich mit schwarzem Krepppapier behängt. Heute kann es ein enttäuscht wütender abgelehnter Liebhaber sein, der so ein Zeichen aufstellt, was aber selten ist. Betroffene empfinden das verständlicherweise als eine Zumutung. Zu sehen war solch ein Schandmaien – ein in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai aufgestellter, verdorrter Baum mit entsprechendem Spruch – vor wenigen Jahren in einer schwäbischen Kleinstadt.

Birken wachsen überall – auch an den Balkonen verlassener Häuser wie hier in Karlsbad, Tschechien. © Barbara Pfeifer 2017

Die Birke war nicht nur den Kelten, sondern auch den Germanen heilig. Sie symbolisierte für beide Völker den Frühling, das wiedererwachende Leben, Fruchtbarkeit und Liebe. Bei den Frühlingsfesten zum 1. Mai feierten Germanen die Vermählung der Erd- und Liebesgöttin Freya mit dem Himmelsgott Thor. Dafür holte man Birken aus dem Wald und schmückte sie festlich. Auch nach der Christianisierung tanzte man mit Billigung der Kirche weiterhin am 1. Mai unter Birken (dem Maibaum) und hoffte auf Liebe und Fruchtbarkeit bei Mensch und Tier. Mit im Herbst gesammelten Birkenruten wurden aus demselben Grund im darauffolgenden Frühjahr die Kühe auf die Weiden getrieben.

Der Richtbaum auf dem Dachstuhl eines neuen Hauses ist mancherorts ebenfalls eine Birke, deren jugendliche Kraft auf das Haus und seine Bewohner übertragen wird.

Sehr altertümlich mutet der Initiationsritus an, junge Mädchen am Tag ihrer ersten Monatsblutung bis zum Kopf in die Erde einzubuddeln und den Boden um sie herum mit Birkenreisern zu peitschen. Dies sollte die Mädchen ebenso fruchtbar machen wie die große Gebärerin Erde – ein Schlag mit der Birke überträgt all deren positive Attribute.

Bei vielen sibirischen Völkern gilt die Birke als Schamanen- und Weltenbaum: An ihr steigt die Seele des Heilers im Trancezustand in die Ober- und Unterwelt. Die magisch-religiöse Funktion des Schamanen ist, zugunsten der Gemeinschaft eine Beziehung zwischen den Menschen und den übernatürlichen Geistern und Gottheiten herzustellen. Er denkt sich seine Schamanentrommel aus dem Holz des Weltenbaums gefertigt und erklärt so ihre magische Kraft, die ihn beim Trommeln zum Zentrum der Welt geleitet, um von dort in den Himmel aufzusteigen. Eine symbolisch aufgestellte Birke mit Kerben im Stamm oder eine Sprossenleiter, in deren Umkreis der Schamane agiert, repräsentieren in seiner Vorstellung den Weltenbaum und dienen ihm auf dieselbe Weise als Hilfsmittel wie die geschlagene Trommel als Fortbewegungsmittel. Vielfach hat der Schamane einen ganz bestimmten Baum als persönlichen Weltenbaum, dessen Wohl und Wehe auch das Wohl und Wehe des Schamanen ist: Stirbt die Birke, so stirbt auch der Schamane. Dazu passt, dass Birken zwar Pionierpflanzen und Überlebenskünstler sind, aber nicht viel älter als ein Mensch werden: maximal 150 Jahre.

In Norddeutschland wurde manchmal bei der Geburt eines Mädchens eine Birke als Lebensbaum gepflanzt als Zeichen der Unschuld und Jungfräulichkeit. Unter dem Baum wurde die Nachgeburt begraben.

In den Kronen von Birken sind manchmal nestartige Wucherungen zu entdecken, bei denen zahlreiche Knospen an der Basis der Zweige ausgetrieben werden. Dies sind die sogenannten Hexenbesen. Sie gehen auf eine Infektion des Baums mit dem Pilz Taphrina betulina zurück. Früher glaubte man, dass in den befallenen Bäumen Hexen beim Flug zur Walpurgisnacht hängengeblieben seien, Birken also Hexen abfangen könnten.

Der Baum galt auch als Mittel gegen die angeblich von Hexen durch Nestelknüpfen während der Trauzeremonie angezauberte Impotenz. Pinkelte der impotente Mann dann jedoch durch einen Reif aus Birkenzweigen, so war der Zauber wieder gelöst.

Auch gegen angezauberte Gicht sollte die Birke helfen: Einfach einen Birkenzweig an der Birke verknoten und damit die Krankheit auf den Baum übertragen!

Mit Hilfe von Birkenzweigen sollten verwandelte Wesen erlöst werden können. Und Hexen verloren ihre Zauberkraft, wenn sie mit frischen Birkenreisern geschlagen wurden – obwohl sie doch gleichzeitig zuvor auf Birkenbesen durch die Lüfte geritten waren.

Mit einem Birkenreisigbesen fegten aber auch Bäuerinnen rituell den Geist des alten Jahres aus dem Haus. Danach hängten sie den Besen über die Haustür, damit er böse Geister abhielt. Im Württembergischen kennzeichnet dies wiederum bis heute eine „Besenwirtschaft“, also einen nur saisonal geöffneten Gastbetrieb, in dem der Winzer seinen eigenen Wein zusammen mit einfachen Gerichten anbietet.

Christliche Kinder wurden früher von den Eltern mit Ruten verprügelt. Es mussten unbedingt Birkenruten sein – sonst würden die Kinder körperlich nicht wachsen. Über die seelische Verkrüppelung machte man sich keine Gedanken. Vielmehr mussten die Kinder noch der Rute von z.B. St. Nikolaus für die Prügelstrafe danken, denn ohne sie hätten sie „den rechten Weg“ nicht gefunden.

In der Heiligenlegende von Sankt Birgitta von Schweden (1303–1373) geschah folgendes Wunder: Als Sankt Birgitta zwölf Jahre alt war, begann sie nachts heimlich ihr Bett zu verlassen und bäuchlings auf dem kalten Fußboden ausgestreckt zu beten. Als ihre Tante sie dabei fand, ließ sie eine Birkenrute bringen, um sie für diesen kindlichen Unfug zu bestrafen. Als sie die Rute zum Schlag erhob, zerbrach die Rute in ihrer Hand jedoch in kleine Stücke.

Wiegen aus Birkenholz sollten hingegen Kinder vor Schadenszauber schützen und gleichzeitig Blitze abwehren. Und wenn schon nicht die Wiege aus Birkenholz war, so legte man in Warnemünde zumindest dem Kind für die ersten Lebensjahre einen Besen aus Birkenreisig zum Schutz mit ins Bettchen.

Birkenöl soll die Lebensgeister wecken und das Lebensrad wieder in Schwung bringen. Pflanzenbotschaft: „Fühle dich wie neugeboren!“

In Russland hängte man rote Bänder in die Birke als Schutz vor dem bösen Blick. In Mecklenburg-Vorpommern vertrauen die Menschen der Birke bei Frühlingsfesten ihre Wünsche an: Sie hängen kleine Zettel in ihre Zweige und lassen sie im Wind flattern.

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