Schneewittchen-Gift: Der Apfel (Malus domestica und M. sylvestris)

 

 Schneewittchens vergifteter Apfel

Volkstümliche Bezeichnungen Angl.: apple, Fruit of the Gods, Fruit of the Underworld, Silver Branch, The Silver Bough, Tree of Love
Blütezeit 4-5
Blütenfarbe weiß
Inhaltsstoffe Frucht pro 100g: 85% Wasser, Kalium 144mg, Vitamin C 12mg, Calcium 7mg, Magnesium 6mg, Gerbstoffe, während der Reifung das Gas Ethylen (deshalb nicht neben empfindlichem Obst und Gemüse wie Birnen, Tomaten und Gurken lagern)
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Vorbeugend gegen Krebs. Volksheilkundlich: geraspelter Apfel mit Schale gegen Durchfall (Freisetzung von Pektinen, adstringierend durch Gerbstoffe)
Zauberpflanzenkategorie (m), 3, 6, 8, 11
Essbar? Ja. Blätter 4-10, Blüten 4-6, Frucht 8-10


Während die Haselnuss um den 13. Februar herum den Vorfrühling einläutet, beginnt mit der Apfelblüte etwa am 28. April der Vollfrühling.

Die Völker der Jungsteinzeit sammelten Wildäpfelchen /zum Beispiel den Holzapfel), die oft kleiner als Kirschen waren. Bereits in der Antike gab es erste Kulturformen dieses Rosengewächses. Heute gehört der Apfel weltweit zu den wichtigsten Obstarten. Die Zahl der Sorten wird auf über 20.000 geschätzt – von denen heute leider nur noch wenige in den Regalen der Supermärkte landen.

Der Liebesapfel

Als Symbol der Erde wurde der Apfel schon von Anfang an der Offenbarung des weiblichen Prinzips und den Göttinnen der Liebe, Sexualität und Fruchtbarkeit zugeordnet: bei den Babyloniern Ischtar, bei den Griechen Aphrodite und bei den Germanen Idun. Allerdings ist nicht sicher, ob bei den Völkern des Mittelmeerraumes nicht der Granatapfel (Punica granatum) gemeint war, der mit unserem Apfel nicht verwandt ist.

Auch für die weibliche Brust ist der Apfel eine gängige, alte Umschreibung. In Goethes Faust heißt es bei der Beschreibung der Walpurgisnacht:

Einst hatte ich einen schönen Traum:

Da sah ich einen Apfelbaum,

Zwei schöne Äpfel glänzten dran;

Sie reizten mich, ich stieg hinan.

Der Äpfelchen begehrt Ihr sehr,

Und schon vom Paradiese her.

Von Freuden fühl ich mich bewegt,

Dass auch mein Garten solche trägt.

Aber auch der Mann kann mit einem Apfel verglichen werden. Hier aus dem Hohelied Salomos im Alten Testament:

Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Liebster unter allen andren Männern! In seinem Schatten möchte ich ausruhen und seine Früchte genießen.

Apfelbäume wurden früher auch als Liebesorakel benutzt: Man schüttelte den Baum nachts – und aus der Richtung, aus der dann ein Hund bellte, sollte der oder die Liebste kommen.

Der Lebensapfel

In den unterschiedlichsten Kulturen taucht die Geschichten vom Apfel als Baum des ewigen Lebens auf. In der nordischen Mythologie schenkt die Göttin Idun goldene Äpfel dem Göttergeschlecht der Asen, die dadurch ewige Jugend erhielten:

Idun und die Äpfel von J. Doyle Penrose (1890)

In der griechischen Mythologie tauchen die goldenen Äpfel der Hesperiden auf (siehe in diesem Blog unter Zaubergärten das Kapitel „Die Gärten der Hesperiden“), die ewiges Leben schenken.

Und Martin Luther schließlich soll gesagt haben: „Selbst wenn ich wüsste, dass morgen der Jüngste Tag wäre, würde ich doch heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

Der Apfel trägt das Leben in sich, damit aber auch den Tod: Mit einem roten Apfel vergiftet die böse Stiefmutter Schneewittchen im Märchen der Brüder Grimm, die daraufhin ins Koma fällt und erst wieder erwacht, als ihr durch Schütteln beim Transport im Glassarg der Apfel aus dem Mund fällt. Der schöne Prinz ist natürlich zur Stelle und heiratet das Mädchen, das so weiß ist wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.

Und als Symbol des Todes trug man bei Prozessionen bis ins 18. Jahrhundert hinein auch Apfelbäumchen mit sich, geschmückt mit einem Totenkopf und einer künstlichen Schlange, die einen Apfel im Maul trug.

Die britannische Apfelinsel Avalon ist ebenfalls ein Jenseitsort: Hierhin wurde der schwerverwundete König Artus entrückt. Ist er dort gestorben oder lebt er noch immer? (Vergleiche hierzu auch bei den Zaubergärten den Blogbeitrag „Die Apfelinsel Avalon und der Garten der Mönche im Wald von Brocéliande“.)

Bei den Inselkelten ist der Apfel ein Symbol für Unsterblichkeit. Ein Apfelast, der gleichzeitig Knospen, Blüten und Früchte trägt, ist bekannt als „The Silver Bough“: Wer ihn besitzt, kann jederzeit in die Anderswelt reisen und wohlbehalten zurückkommen.

Auch für Fruchtbarkeit und Kinder steht der Apfel, denn er fällt nicht weit vom Stamm – will heißen, Kinder ähneln zumeist ihren Eltern.

Wenn bei Bildern der Heiligen Familie auch der Apfelbaum oder ein Behälter mit geernteten Äpfeln dargestellt werden, so wird damit auf die wunderbare jungfräuliche Fruchtbarkeit Mariens oder Annas hingewiesen. Ein Beispiel hierfür ist Peter Paul Rubens (1577-1640) „Heilige Familie unter dem Apfelbaum“.

Im Mittelalter war es zur Beschwörung von Fruchtbarkeit und Gesundheit mancherorts üblich, dass ein Mensch mit einem weißen Schafpelz umgehängt zur Wintersonnenwende mit einem geschälten Apfelast durch das Dorf zog und dreimal jeden Brunnen umtanzte. An den Ast wurde Essbares gebunden und nach dem Ritual unter den Kindern verteilt.

Brautpaaren wurde ein roter Brautapfel geschenkt, welche von den Ehepartnern zusammen geschält werden musste. Die Schale warf man über die Schulter, und daraus wurde die Zukunft der Ehe geweissagt.

Der Apfel der Prüfung

Allgemein steht der Apfel für etwas Begehrenswertes, aber auch für Prüfungen, der Versuchung des Diebstahls zu widerstehen.

Der bekanntes Mythos ist wohl der von Adam und Eva im Garten Eden und ihrer Vertreibung aus dem Paradies, wo er als Frucht am Baum der Erkenntnis von Gut und Böse hängt. Zwar ist wissenschaftlich nicht klar, ob es sich nicht doch in Der Bibel um eine Feige oder einen Granatapfel gehandelt hat, aber in unserem Kulturkreis hat sich als Bild der heimische Apfel durchgesetzt (siehe in Zaubergärten der Blogbeitrag „Der älteste Zaubergarten der Welt: Das Paradies“).

Der Apfel versinnbildlicht Paradies, Unschuld und deren Verlust für den Menschen. In diesem Zusammenhang wird er in vielen Märchen verwendet, auch im arabischen Raum. In der christlichen Ikonographie repräsentiert er den Themenkomplex Sünde und Erlösung.

  • Am Baum hängend, zusammen mit einer Schlange, ist er Symbol der Versuchung.
  • In den Händen des Menschen ist er Symbol von Sündenfall und Sünde allgemein.
  • In den Händen Christi steht er für die Erlösung von der Erbsünde.
  • Auf Bildern, die das Jüngste Gericht darstellen, halten Erlöste Äpfel als Symbol des wiedergewonnenen Paradieses in der Hand.

Typisch für das Spätmittelalter sind Darstellungen, auf denen Maria dem Jesuskind einen Apfel reicht: Christus nimmt durch ihn die Sünden der Welt auf sich und erlöst die Menschen. Im Rahmen der Marienverehrung umfasst der Kontext auch, dass Jesus durch Maria die Macht überreicht wird, Menschen von der Sünde freizusprechen (hierbei gibt es also auch einen Zusammenhang mit dem Reichsapfel). Dabei wird die Vorstellung von Maria als „neuer Eva“ ausgestaltet – Eva, die Äpfel an die Sünder verteilt und Maria, die Hostien an die Gläubigen verteilt. Ähnlich zu interpretieren ist die Schlange mit dem Apfel im Maul zu Füßen Marias als Hinweis auf die Überwindung der Erbsünde.

Der Apfel stellt den Menschen vor die Entscheidung zwischen einem geliebten Mitmenschen und einem persönlichen Vorteil. In einigen Versionen der germanischen Heldensagen über Wieland den Schmied wird dieser von einem seiner Brüder unterstützt. Der Bruder ist ein berühmter Bogenschütze und Jäger. Um ihn zu testen, lässt König Nidung ihn einen Apfel vom Kopf des Sohnes schießen. Der berühmte Apfelschuss wurde auch in der Schweizer Sage von Wilhelm Tell verlangt. Und Friedrich Schiller hatte verfaulte Äpfel in seiner Schublade, deren Duft ihn zum gleichnamigen Bühnenwerk inspirierte.

Der goldene Apfel kann auch der Preis sein, den es zu zahlen gilt, um einen Ehepartner zu gewinnen. Beispiele hierfür sind Hippomenes Werbung um Atalante oder in den Grimmschen Märchen „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“, „Der goldene Vogel“ oder „Eisenhans“. Auch im Grimm-Märchen „Die Gänsehirtin am Brunnen“ muss der Held zunächst deren Ziehmutter über eine weite Strecke tragen, welche wiederum eine Kiepe mit wilden Äpfeln und Birnen trägt (der Apfel steht für das weibliche, die Birne für das männliche Prinzip).

Der Apfel als Ernte

In der Frühzeit wurden bei jeder Ernte zwei Äpfel am Baum gelassen als Opfer an die Baumgeister (Dryaden). Auch bei den Germanen galt er als beseelter, heiliger Baum, dessen Fällen mit dem Tode bestraft wurde.

Der (vom Baum fallende) Apfel steht gleichfalls im Zusammenhang mit Ernte und daraus abgeleitet Reichtum und Macht, auch im Sinne von Erkenntnis. Während er ursprünglich in vielen Kulturen von den Frauen gehütet wurde, wird er im Laufe der Zeit von den Männern usurpiert. Als Reichsapfel ist er im mitteleuropäischen Kaisertum Symbol des Besitzanspruchs, während das Zepter Zeichen der Verfügungsgewalt war. Gelegentlich wurde der Reichsapfel mit Sand oder Asche gefüllt zum Zeichen der Vergänglichkeit irdischer Macht. Gefasst ist er in ein christliches Kreuz, denn die Macht des Herrschers leitete sich von einer höheren Macht, nämlich Gottes Gnade her, unter der sich die weltliche Macht unterordnete.

Im Grimm-Märchen „Frau Holle“, das eigentlich ein Mythos ist (Frau Holle ist ein Überbleibsel der alten Muttergöttin, der „holden Frau“) begegnen die beiden Maries unter anderem einem Apfelbaum, der ruft:

Ach schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif!“

Während die gute Marie den Wunsch des Baumes erfüllt und später für ihren Fleiß belohnt wird, geht ihre Stiefschwester ablehnend an ihm vorüber („es könnte mir einer auf den Kopf fallen!“) und wird dafür mit Pech bestraft. (Siehe auch unter Zaubergärten der Blogbeitrag „Von Gärten im Märchen zu Märchengärten“).

Der Zankapfel,

auch Apfel der Zwietracht oder Erisapfel genannt, geht zurück auf die Hochzeit von Peleus und Thetis in der griechischen Mythologie. Dort soll die Göttin Eris einen goldenen Apfel mit der Aufschrift „Für die Schönste“ zwischen die Göttinnen geworfen haben, und zwar aus Ärger darüber, dass sie nicht eingeladen war. Zeus weigerte sich, den sogleich entstandenen Streit zwischen Hera, Athene und Aphrodite zu schlichten, wem denn nun der Apfel gebühre. Auf seine Anweisung hin musste der arme Paris dies entscheiden. Der Jüngling entschied sich für Aphrodite, weil diese ihm im Gegenzug die Liebe von Helena, der schönsten aller irdischen Frauen versprach. Diese war allerdings bereits mit Menelaos, dem König von Sparta, verheiratet. Somit war der Zankapfel der Eris durch die aus dem Urteil des Paris resultierende Entführung Helenas ein zentraler Auslöser des Trojanischen Krieges.

Peter Paul Rubens (ca. 1636): Das Urteil des Paris

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