Schöne Frau: Die Tollkirsche (Atropa belladonna)

Volkstümliche Bezeichnungen Apfel von Sodom, Bärenwurz, Bollwurz, Hexenbeere, Höllenkraut, Judenkirsche, Krötenstrauch, Schlangenkirsche, Schöne Frau, Teufelsbeere, Teufelskirsche, Teufelskraut, Tollkraut, Walkürenbeere, Wolfsaugen
Blütezeit 6-8
Blütenfarbe Braunviolett-purpur bis grünlich
Inhaltsstoffe L-Hyoscyamin, Scopolamin, Atropin, Anthocyane
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Atropin erweitert die Pupillen (Augenheilkunde). Blätter und Wurzel bei Spasmen und kolikartigen Schmerzen im Magen-Darm-Trakt und den Gallenwegen (Achtung: starke Nebenwirkungen möglich – Achtung: nur auf ärztliche Verschreibung, keine Selbstmedikation!)
Zauberpflanzenkategorie (d), (g), (j), 2-8, 10
Essbar? Tödlich giftig, besonders die Samen

 

Die Tollkirsche ist ein hochgiftiges Nachtschattengewächs. Atropos (die „Unabwendbare“) ist jene der drei Schicksalsgöttinnen, die den Lebensfaden abschneidet – der Mensch stirbt. Tödlich sind für Kinder 3-4 und für Erwachsene 10-12 Beeren. „Belladonna“ verweist auf den Brauch der alten Römerinnen und Renaissancefrauen (bella donna = schöne Dame), sich den Saft der Früchte in die Augen zu tropfen, um verträumt wirkende, stark erweiterte Pupillen zu bekommen. Allerdings: Regelmäßig angewandt, wird frau blind davon!

Eine andere Deutung assoziiert die Belladonna mit der römischen Kriegsgöttin Bellona: Bevor die Priester sich an die Göttin wandten, pflegten sie das altrömische Ritual, einen Absud der Pflanze zu sich zu nehmen. Eine weitere Interpretation bringt das Epitheton mit einer Magierin namens Belladonna zusammen. Sie soll so schön gewesen sein, dass allein der Anblick ihres Haars lebensgefährlich war.

Der griechischen Sage nach wuchs die Tollkirsche in der Kolchis, dem Land der „Pharmakides“ Hekate und Medea und Ziel der Argonauten, und wohl auch in Thessalien (man denke nur an die Thessalischen Hexen). Die Kolchis liegt an der südöstlichen Küste des Schwarzen Meeres (Westteil des heutigen Georgiens). Auch das legendäre Kraut Moly aus dem Garten der Circe soll eventuell keine Lauchart sondern Tollkirsche gewesen sein.

Hildegard von Bingen beschrieb ihre zerrüttende Wirkung auf den menschlichen Geist: Diese Kirsche kann tatsächlich „toll“ machen – und keiner Pflanze sei der Teufel näher. Hildegard sah in der Aura der Pflanze kleine schwarze, mit Fledermausflügeln umher flatternde Teufelchen.

Auch im Volksglauben galt die Schwarze Tollkirsche als Zauberpflanze, und ihr wurden magische Kräfte zugeschrieben. Sie zählte zu den sogenannten „Großen Hexenpflanzen“, auch Meister- oder Lehrerpflanzen genannt, die mit Umsicht und Ehrfurcht behandelt werden mussten.

So waren im Umgang mit der Pflanze häufig bestimmte Zeremonien einzuhalten. Christian Rätsch berichtet von einem osteuropäischen Liebeszauber, der in Form eines Rituals begangen wurde: Um die Zuneigung eines Mädchens zu gewinnen, sollte die Wurzel einer Tollkirsche ausgegraben und an deren Stelle Gaben für den Pflanzengeist gelegt werden.

Einem Trank aus der Wurzel wurde eine aphrodisiakische Wirkung nachgesagt. Als Amulett um den Hals getragen, half Tollkirschenwurzel, die Zuneigung der Mitmenschen zu erlangen. Andererseits schützte dieses Amulett auch gegen Dämonen und Krankheiten.

Um sich die Libido steigernde Wirkung zunutze zu machen, aber gleichzeitig Wahn und Besessenheit zu vermeiden, hat der Volksglaube verschiedene magische Techniken eingesetzt: So soll man etwa die Wurzel in der Nacht des Hlg. Georgs (23.4.) ausgraben, dabei einen magischen Kreis ziehen und ein schwarzes Huhn dem Teufel opfern. Während der Teufel über das Huhn herfällt, kann der Wurzelgräber davonlaufen. Georg ist der mit Eisen gewappnete Ritter, der der Wut des Erddrachens, dem die Tollkirsche angehören soll, widerstehen kann.

In Rumänien ist der Glaube, die Tollkirsche im Garten sei der Sitz des Hausgeistes, noch heute verbreitet.

Der Überlieferung nach wurde im germanischen Raum eine Orakelräucherung aus Wassereppich (Sium latifolium), Tollkirsche, Fliegenpilz, Mistel, Eisenkraut und wilder Minze zu Samhain (31. Oktober auf 1. November) vorbereitet. Vorher musste der germanische Heiler / Schamane vierzehn Tage fasten, und geerntet wurde auch hier schon unter Einhaltung spezieller Rituale. Die Tollkirsche galt den Germanen als beseeltes Wesen, das von einer schönen Frau bewohnt und den Walküren geweiht war. Es hieß, dass der Mensch, der Tollkirschen, esse, den Walküren ausgeliefert sei: Sie führten einen nach Walhal, wo man auf die Götterdämmerung warten müsse. Dabei wurde einem reichlich Met angeboten. Da Wotan, der Vater der Walküren, auch Herr der Jagd war, aßen Jäger vor der Jagd 3-4 Tollkirschen, um die Sinne zu schärfen und bei der Jagd erfolgreich zu sein.

Auch den Pferden mischte man Tollkirschenkraut unter das Futter, um sie kräftig und mutig zu machen.

Im Dänischen heißt die Tollkirsche Galbeere von galen = Zauberlieder singen, wie Wolf-Dieter Storl berichtet. In unserer Sprache ist dies noch im Wort Nachtigall erhalten geblieben, das jenen Vogel beschreibt, der nächtens bezaubernde Lieder singt. Galsterer hieß bei den Germanen der Schamane, der durch Zaubergesang die Wirklichkeit verändern, heilen oder schaden konnte.

Extrakte der Schwarzen Tollkirsche galten als Zutat der Flugsalben. Diese sind keine Erfindung des Mittelalters – ihre Verwendung wird bereits von Homer erwähnt. In seinen Forschungen geht Enrico Malizia davon aus, dass sich die als Hexen bezeichneten Frauen den Körper mit diesen Salben an Genitalien, Stirn und Achselhöhlen einrieben, da sie glaubten, dann fliegen oder sich in Tiere verwandeln zu können. Die Zusammensetzung der Salben enthalte gemäß den gesammelten Rezepturen an halluzinogenen Pflanzenextrakten neben der Schwarzen Tollkirsche auch Bilsenkraut oder Stechapfel und weitere Zutaten wie z. B. Pulver zermahlener Menschenknochen oder andere Pflanzenextrakte. Wissenschaftler, die das Phänomen des Hexenflugs und der Tierverwandlung näher analysiert haben, geben an, dass die halluzinogene Wirkung der Drogen die Flug- und Verwandlungserlebnisse so real vermittelte, dass die Betroffenen an die Realität der Träume glaubten. In Hexenprozessen sollen die Halluzinationen, erotischen Träume und Wahnzustände, die die Inhaltsstoffe bei höherer Dosis auslösten, Geständnisse provoziert haben, die den Hexenverdacht dann bestätigten. Als Beispiel für eine Flugsalbe, deren halluzinogene Wirkstoffe die Vorstellung einer negativ oder positiv erfahrenen Flugreise hervorrufen können, nennt Malizia eine Kombination von Tollkirsche, Samen der Tollgerste (Lolium annuum), Bilsenkraut, Wasserschierling, Schlafmohn, Alraune und Seerose.

Unter dem Namen Bollwurz war das Kraut hingegen als kräftiges Schutzmittel gegen Verwundungen bekannt, wie Gustav Freytag unter Berufung auf eine um 1591 verfasste Schrift Samuel Zimmermanns berichtet. Nach der damaligen Vorstellung komme es auf Plätzen früherer Schlachten vor und sollte am besten mit neugeschliffenem Stahl ausgegraben, dabei aber nicht mit bloßen Händen berührt werden.

Es heißt, Tollkirschen würden ebenso wie Schierling und Wolfsmilch an Plätzen mit starken Energien wachsen, bevorzugt entlang von Wasseradern – während Obstbäume und Rosen genau diese Stellen übelnehmen würden. Gesammelt werden sollte solch ein unheimlich Kraut natürlich um Mitternacht, zu Beginn der Geisterstunde.

Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl hat im 21. Jahrhundert seine persönlichen magischen Erfahrungen mit der Tollkirsche gemacht: Er fand ein prächtiges Exemplar auf einem Berg im Baseler Land und meditierte vor ihm, nachdem er zunächst alles eisenhaltige Metall abgelegt und ein Tabakgeschenk niedergelegt hatte, um sich dem Pflanzengeist zu nähern. Als er wieder ins Normalbewusstsein zurückkehrte, gewahrte er ganz in der Nähe einen dunkelbraunen Marder mit schwarzen Tollkirschenaugen, der keinerlei Angst vor ihm zeigteoffenbar die momentane Inkarnation der Belladonna. Als er die Pflanze anderntags seiner gesamten Kräutergruppe zeigen wollte, wurde dies durch ein sehr plötzlich aufziehendes, nur lokales, aber sehr mächtiges Gewitter verhindert, und im Jahr danach hatte ein Tugendbold die Tollkirsche zerbrochen und niedergetrampelt. Keine Pflanze für jederman!

Die Tollkirsche als künstlerisches Motiv

In Wikipedia heißt es: Das Motiv der Tollkirsche wird in einigen Filmen verarbeitet. Franka Potente ist Regisseurin des 2006 erschienenen Schwarzweißfilms: „Der die Tollkirsche ausgräbt“. Dort beschreibt sie die Geschichte eines Punks, der mittels Zauberei ins Jahr 1918 gerät. Hermann de Vries stellt in dem Kurzfilm Belladonna ein Hexenritual mit Tollkirschen dar.

Das Buch La Sorcière von Jules Michelet bildet die Grundlage für den avantgardistischen Zeichentrickfilm: Die Tragödie der Belladonna (1973) von Eichi Yamamoto. Michelet setzt sich in seinem Werk mit der Hexenverfolgung auseinander und analysiert sie als eine über Jahrhunderte andauernde Unterdrückung der Frau. Für ihn war Belladonna die Pflanze der guten, schönen, weisen Frauen und somit der Hexen.

Yamamoto wählt aus der Zusammenstellung von Michelet eine metaphorische Geschichte aus, die die Tragik Jeanne d´Arcs und den Geschlechterkampf thematisiert. Jeanne gerät durch den Schmerz einer Vergewaltigung, begründet auf dem Recht der ersten Nacht, in den Bann des Teufels, der ihre Angst in sexuelle Hingabe verwandelt. Sie erlangt durch den Pakt mit dem Teufel diabolische Macht, größere Attraktivität und Respekt in der Dorfgemeinschaft. Den Preis für diese Verbindung zahlt sie mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen.

Im Film „Die schwarze 13“(Orig. „Eye of the Devil“) mit David Niven, Sharon Tate und Deborah Kerr von 1967, der eine pagane Kultgemeinschaft im südlichen Frankreich thematisiert, wird ein Belladonnarausch filmisch inszeniert. Der Filmtitel, das Auge des Teufels, ist ebenfalls ein Synonym für die Tollkirsche.

Die Literatur spiegelt verschiedene Aspekte, die mit der Pflanze assoziiert werden, in unterschiedlichen literarischen Gattungen wider. Ernst Stadler verfasste 1911 das Gedicht Der Flüchtling, das auf die halluzinogene Wirkung Bezug nimmt. Michael Küttner geht in seinem Buch Der Geist aus der Flasche unter anderem auf die Verbindung der Tollkirsche mit Märchen der Gebrüder Grimm ein. Ralph Günther Mohnnau gab einen Gedichtband mit dem Namen Ich pflanze Tollkirschen in die Wüsten der Städte heraus. Seine Lyrik geht metaphorisch oder experimentell mit Aspekten der Pflanze um:

es zettelt Revolutionen an
es erfindet neue Ideologien
&! überlistet beide.

Erwin Bauerreiss stellt in einem Gedicht über die Tollkirsche die Aspekte der Geliebten, Großen Mutter und Wandlerin des Lebens in den Vordergrund:

Ein tiefer Sog zieht mich zu dir herab
in dein Zauberreich weit jenseits alles menschlichen Verstandes
Hab ich gekostet von deinen süßen, tief-violetten Früchten
trete ich ein in dein Reich der Schatten der Nacht

Und Ingeborg Bachmann (1926-73) schreibt in den „Liedern auf der Flucht“:

diese betäubte und betäubende Erde

mit Nachtschattengewächsen,

bleiernen Giften

und Strömen von Duft –

untergegangen im Meer

und aufgegangen im Himmel

die Erde!

Und in „Von einem Land, einem Fluß und den Seen“

Was ruft uns, dass sich so die Haare sträuben?

Tollkirschen schwingen um das Ohr.

Die Adern lärmen, überfüllt von Stille.

Die Totenglocke schaukelt überm Tor.

Auch in der Malerei ist die Schwarze Tollkirsche ein beliebtes Motiv. Im 19. Jahrhundert und den 1920er Jahren fand die Atropa belladonna mit ihrer anthromorphen Gestalt „Belladonna“ insbesondere in die Druckgraphik Eingang.

In der Bilderreihe monumenta lamiae von Herman De Vries stellte ein Tollkirschenzweig neben drei anderen Pflanzen (Eisenhut für Gifte, Mutterkorn für Geburtshilfe sowie Abtreibung und Baldrian als enthexende Pflanze für Beruhigung) das größte Objekt dar. Sie symbolisiert die geistbewegenden Drogen und Liebesmittel. De Vries schreibt dazu im Oktober 1985:

wer die hexen waren, wie sie lebten, was sie taten, ist nach ihrer ermordung durch die öffentlichkeit und die geschichtsfälschung nicht mehr genau im einzelnen feststellbar. die pflanzen, die sie verwendeten, haben überlebt. ihr geist, ihre wirkungen und kräfte sind noch da. sie lassen sich noch immer erfahren.

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