Thors Pflanze: Die Stechpalme (Ilex aquifolium)

 

Volkstümliche Bezeichnungen Gottesdorn, Hülse, Hulstbaum, engl. holly
Blütezeit 5-6
Blütenfarbe weiß
Inhaltsstoffe Nitril Menisdaurin, Rutin, Ursolsäure, Ilicin, Früchte: Triterpene, Blätter: Saponine.
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Volksheilkunde: Stechpalmenzweige im Kälberstall beugen der Hauterkrankung Rinderflechte vor.
Zauberpflanzenkategorie (b), (j), 3, 4, 5
Essbar? Giftig. Aus den fermentierten roten Beeren kann jedoch ein Schnaps destilliert werden (Baie de Houx). Geröstete Samen als Kaffee-Ersatz (Antioxidantien)


Die Zweige dieses Stechpalmengewächses gehören in England zum typischen Weihnachtsschmuck. Schon vor der Eroberung durch die Römer war es dort Brauch, den Wohnraum mit beerentragenden Ilex-Zweigen und Efeu zu schmücken – als Verkörperung des männlichen und des weiblichen Prinzips.

In manchen Gegenden dienen sie – da immergrün – auch am Palmsonntag als Ersatz für echte Palmwedel. Dies erklärt den zweiten Teil des deutschen Namens Stechpalme. Goethe reimte dazu:

Im Vatikan bedient man sich
Palmsonntag echter Palmen.

Die Kardinäle beugen sich

und singen alte Psalmen.

Dieselben Psalmen singt man auch,

Ölzweiglein in den Händen,

Muss im Gebirg zu diesem Brauch

Stechpalmen gar verwenden.

Doch schon vor der Christianisierung wurde die Stechpalme von Germanen, Kelten und Angelsachsen verehrt. Wie alle Pflanzen mit Dornen war er mit dem Gott Donar/Thor verbunden. Das sattgrüne Laub und die kräftig roten Beeren, die zur dunklen Jahreszeit reifen, verkörpern die Farben der Hoffnung und der Liebe – und im Christentum dann Leben und Blut. Beim Julfest (21. auf 22.12.) sangen mit Efeu bekränzte Mädchen (Ivy-Girls) und mit Ilex bekränzte Jungen (Holly-Boys) gegeneinander Spottlieder, um den ewigen Kampf zwischen Mann und Frau darzustellen.

In Mecklenburg-Vorpommern wurden zur Zeit der Wintersonnenwende Stechpalmenzweige an die Haustüren genagelt. Sie sollten Mensch und Tier vor dem Bösen bewahren. Wer dies nicht tat, konnte „auf keinen grünen Zweig kommen“, ihm fehlte schlicht der Schutz der guten Geister und damit das Glück.

Bei den Kelten bekämpften sich aber auch in der Nacht zum ersten August Eichenkönig (Kornkönig, das Licht symbolisierend) und Stechpalmenkönig (den Schatten symbolisierend) – früher real, heute nur noch symbolisch für den Beginn der dunklen Jahreszeit: Der Eichenkönig wird geopfert.

Ein Rezept für das Wahrwerden von Träumen geht so:

Pflücke an einem Freitag nach Mitternacht neun Ilex-Blätter und lege sie in ein weißes Tuch. Knote 9 Knoten in dieses Tuch und denke bei jedem Knoten an den Traum. Lege schließlich das Ganze für eine Nacht unter dein Kopfkissen und vergrabe es dann am nächsten Morgen – so wird dein Traum wahr.

Vor das Haus gepflanzt, sollte die Stechpalme vor Blitzschlag und Vergiftung schützen. Neugeborene wurden mit einem Kaltauszug (Mazerat) der Stechpalme besprent als Schutz vor dem Bösen Blick.

J.R.R. Tolkien hatte ein Faible für den Hulstbaum. Im „Herrn der Ringe“ ist das Land Hulsten = Eregion (Hollin im englischen Original) Herkunftsland der Elbenringe. In Eregion wuchsen die Hulstbäume, nach denen das Land benannt worden war. Auch das Wappen Eregions war ein Hulstbaum. Die Hulstpflanzen gab es nicht nur in Baum-, sondern auch in Buschform. Insbesondere auf dem Hulstenkamm scheint diese Flora sehr intensiv vorhanden gewesen zu sein. Die beiden größten Hulstbäume standen vor dem Westtor von Khazad-dûm und wurden vom Wächter im Wasser zerstört. Die Elben, von Tolkien auch „Erstgeborene“ genannt (ursprünglicher Name Quendi, „die mit Stimme reden“), kamen vor den Menschen in die Welt und haben das Vorrecht der Unsterblichkeit, sind jedoch „an die Kreise der Welt gebunden“. Es ist ihnen bestimmt, in den „Unsterblichen Landen“ zu leben. Viele verließen nach dem Verlust der Elbenringe Hulsten, um dorthin zu segeln. Außerdem erliegen Elben keinen Krankheiten und ihre Seelen wandern, sofern sie sterben, in Mandos‘ Hallen, in denen sie auf das Ende der Zeit und das Kommen des Schöpfers Ilúvatars warten.

Weil sie bei hoher Luftfeuchtigkeit undurchdringliche Dickichte bildet, die Menschen in Kriegszeiten Schutz bieten können, galt die Stechpalme auch als Symbol für den Schutz vor allem Bösen. Sie ist im unter Baumbereich stärker mit Dornzähnen bewehrt als oben und dadurch gut vor Wildfraß geschützt – dadurch gilt sie ebenfalls als Symbol der weisen Voraussicht.

Auf die (zu) starke Vermehrung der Hülse bezieht sich hingegen der Spruch: „Ilse bilse, keiner willse, die böse Hülse!“

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