Voller Lust: Die Wald-Erdbeere (Fragaria vesca)

 

Volkstümliche Bezeichnungen Rotbeere
Blütezeit 4-6
Blütenfarbe weiß
Inhaltsstoffe Zucker, Mineralstoffe, Flavonoide, Anthocyane, geringe Mengen Ascorbinsäure. Blätter: Gerbstoffe
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Wirkung der Gerbstoffe zu schwach, deshalb den Lebensmitteln zugeordnet.
Zauberpflanzenkategorie (e), 3, 8, 9
Essbar? Ja. Beeren und junge Blätter.

 

In der germanischen Mythologie ist die Walderdbeere mit der Göttin Frigg verknüpft. Sie versteckte die toten Kinder in Erdbeeren, um sie dann unentdeckt mit nach Walhall nehmen zu können. Aber auch die Göttin Freya schätzte die Walderdbeere als Zeichen von Fruchtbarkeit und Liebe.

Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste (Paradies), um 1500

Während die heidnischen Walderdbeeren also Sinnbild der Weltlust, Verlockung und Sinnenfreude waren, galt den Christen dieses Rosengewächs ohne Dornen mit seinen Beeren ohne Kern und Schale, das gleichzeitig fruchtet und blüht als Symbol der Rechtschaffenheit. Da das Blatt einer Erdbeere dreigeteilt ist, war sie ebenfalls als Zeichen der Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Für die Mystiker war die Frucht Speise der Engel, und auf mittelalterlichen Tafelgemälden ist sie Begleitpflanze der Jungfrau Maria und als Allegorie der guten und christlichen Gedanken zu verstehen. Einer Legende nach soll Maria einmal im Jahr auf die Erde herabsteigen, um hier Erdbeeren für die verstorbenen und im Paradies lebenden Kinder zu sammeln. Andernorts heißt es, Maria führe am 24.6. (dem Johannistag) die Seelen verstorbener Kinder zum Erdbeerpflücken. Falls die Mutter jedoch vor diesem Datum Erdbeeren gegessen hatte, ging ihr Kind leer aus.

Irdische Frauen hingegen sollten die Erdbeere am besten gar nicht essen, weder vor dem 24.6. noch danach – sie galt als nur den Männern bekömmliche Frucht.

Arthur Rackham 1917, Die drei Männlein im Walde

Im Grimm-Märchen „Die drei Männlein im Walde“ lässt die böse Stiefmutter die Heldin, nur mit einem Papierkleid bedeckt, mitten im Winter nach Erdbeeren suchen:

(…) Einmal im Winter, als es steinhart gefroren hatte und Berg und Tal vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papier, rief das Mädchen und sprach: „Da, zieh das Kleid an, geh hinaus in den Wald und hol mir ein Körbchen voll Erdbeeren; ich habe Verlangen danach.“

„Du lieber Gott,“ sagte das Mädchen, „im Winter wachsen ja keine Erdbeeren, die Erde ist gefroren, und der Schnee hat auch alles zugedeckt. Und warum soll ich in dem Papierkleide gehen? Es ist draußen so kalt, dass einem der Atem friert; da weht ja der Wind hindurch, und die Dornen reißen mir’s vom Leib.“

„Willst du mir noch widersprechen?“ sagte die Stiefmutter. „Mach, dass du fortkommst, und lass dich nicht eher wieder sehen, als bis du das Körbchen voll Erdbeeren hast.“ Dann gab sie ihm noch ein Stückchen hartes Brot und sprach: „Davon kannst du den Tag über essen“, und dachte: Draußen wird’s erfrieren und verhungern und mir nimmermehr wieder vor die Augen kommen.

Nun war das Mädchen gehorsam, tat das Papierkleid an und ging mit dem Körbchen hinaus. Da war nichts als Schnee die Weite und Breite, und war kein grünes Hälmchen zu merken. Als es in den Wald kam, sah es ein kleines Häuschen, daraus guckten drei kleine Haulemännerchen. Es wünschte ihnen die Tageszeit und klopfte bescheiden an die Tür. Sie riefen „Herein“, und es trat in die Stube und setzte sich auf die Bank am Ofen, da wollte es sich wärmen und sein Frühstück essen. Die Haulemännerchen sprachen: „Gib uns auch etwas davon.“

„Gerne“, sprach es, teilte sein Stückchen Brot entzwei und gab ihnen die Hälfte. Sie fragten: „Was willst du zur Winterzeit in deinem dünnen Kleidchen hier im Wald?“

„Ach“, antwortete es, „ich soll ein Körbchen voll Erdbeeren suchen und darf nicht eher nach Hause kommen, als bis ich es mitbringe.“ Als es sein Brot gegessen hatte, gaben sie ihm einen Besen und sprachen: „Kehre damit an der Hintertüre den Schnee weg.“ Wie es aber draußen war, sprachen die drei Männerchen untereinander: „Was sollen wir ihm schenken, weil es so artig und gut ist und sein Brot mit uns geteilt hat.“ Da sagte der erste: „Ich schenk ihm, dass es jeden Tag schöner wird.“ Der zweite sprach: „Ich schenk ihm, dass Goldstücke ihm aus dem Mund fallen, sooft es ein Wort spricht.“ Der dritte sprach: „Ich schenk ihm, dass ein König kommt und es zu seiner Gemahlin nimmt.“

Das Mädchen aber tat, wie die Haulemännerchen gesagt hatten, kehrte mit dem Besen den Schnee hinter dem kleinen Hause weg, und was glaubt ihr wohl, das es gefunden hat? Lauter reife Erdbeeren, die ganz dunkelrot aus dem Schnee hervorkamen. Da raffte es in seiner Freude sein Körbchen voll, dankte den kleinen Männern, gab jedem die Hand und lief nach Haus und wollte der Stiefmutter das Verlangte bringen. Wie es eintrat und „Guten Abend“ sagte, fiel ihm gleich ein Goldstück aus dem Mund. Darauf erzählte es, was ihm im Walde begegnet war, aber bei jedem Worte, das es sprach, fielen ihm die Goldstücke aus dem Mund, so dass bald die ganze Stube damit bedeckt ward (…)

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