Von Gärten im Märchen zu Märchengärten

Die berühmteste Frucht in unseren Zauber- und Märchengärten ist der Apfel. Nicht nur Adam und Eva wissen davon ein Lied zu singen, auch die Hesperiden träumten unter einem Apfelbaum, und die Insel Avalon ist gar ein ganzer Apfelgarten.

Deutsches Märchen- und Wesersagenmuseum:
Frau Holles Apfelgarten

Im Mythos Frau Holle (ursprünglich wohl der Name der göttlichen, holden Frau, von den Brüdern Grimm zum Märchen umgedeutet) spielen Äpfel eine besondere Rolle. Das Mädchen Goldmarie springt in den Brunnen:

Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort (…) und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.

Im Grimm-Märchen „Von dem Machandelboom“ taucht neben dem Apfel noch eine weitere Zauberpflanze auf, der Machandelboom = Wacholder (auch er nimmt eventuell Bezug auf die Holde Frau).

Vor ihrem Hause war ein Hof, darauf stand ein Machandelbaum. Unter dem stand die Frau einstmals im Winter und schälte sich einen Apfel, und als sie sich den Apfel so schälte, da schnitt sie sich in den Finger, und das Blut fiel in den Schnee. „Ach,“ sagte die Frau und seufzte so recht tief auf, und sah das Blut vor sich an, und war so recht wehmütig: „Hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut und so weiss wie Schnee.“ Und als sie das sagte, da wurde ihr so recht fröhlich zumute: Ihr war so recht, als sollte es etwas werden.

Die Frau bekommt einen Sohn, stirbt aber bei der Geburt und wird unter dem Wacholder begraben. Der Mann heiratet wieder und bekommt mit der zweiten Frau ein Mädchen, das Marlenchen. Den Stiefsohn kann sie nicht leiden. Sie schlachtet ihn und gibt ihn ihrem Mann zu essen. Marlenchen fürchtet sich vor der Mutter, aber sie sammelt heimlich alle Knochen des Stiefbruders auf.

Dort legte sie sie unter den Machandelbaum in das grüne Gras, und als sie sie dahin gelegt hatte, da war ihr auf einmal ganz leicht, und sie weinte nicht mehr. Da fing der Machandelbaum an, sich zu bewegen, und die Zweige gingen immer so voneinander und zueinander, so recht, wie wenn sich einer von Herzen freut und die Hände zusammenschlägt. Dabei ging ein Nebel von dem Baum aus, und mitten in dem Nebel, da brannte es wie Feuer, und aus dem Feuer flog so ein schöner Vogel heraus, der sang so herrlich und flog hoch in die Luft, und als er weg war, da war der Machandelbaum wie er vorher gewesen war, und das Tuch mit den Knochen war weg. Marlenchen aber war so recht leicht und vergnügt zumute, so recht, als wenn ihr Bruder noch lebte. Da ging sie wieder ganz lustig nach Hause, setzte sich zu Tisch und aß. Der Vogel aber flog weg und setzte sich auf eines Goldschmieds Haus und fing an zu singen:

„Mein Mutter die mich schlacht,
mein Vater der mich aß,
mein Schwester der Marlenichen
sucht alle meine Benichen,
bindt sie in ein seiden Tuch,
legt’s unter den Machandelbaum.
Kiwitt, kiwitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!“

Dieser Vogel tötet schließlich die Mörderin des Jungen:

Und als sie aus der Tür kam, bratsch! Warf ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, dass sie ganz zerquetscht wurde. Der Vater und Marlenchen hörten das und gingen hinaus. Da ging ein Dampf und Flammen und Feuer aus von der Stätte, und als das vorbei war, da stand der kleine Bruder da, und er nahm seinen Vater und Marlenchen bei der Hand und waren alle drei so recht vergnügt und gingen ins Haus, setzten sich an den Tisch und aßen.

Während die Märchengärten Deutschlands eher rudimentär bestückt sind (neben Apfel und Wacholder wächst dort vor allem Rapunzel und Aschenbrödels Haselnuss), geht es in den französischen Gärten wesentlich opulenter zu. Neben Charles Perrault wirkte hier im 17. Jahrhundert vor allem Marie-Catherine d‘ Aulnoy. Im Märchen „Die weiße Katze“ beschreibt sie einen üppigen Zaubergarten:

Man wusste aber mit Bestimmtheit, dass die Zauberinnen in ihrem Garten die besten, saftigsten und wohlschmeckendsten Früchte besaßen, die es zu essen gab. Da befiel die Königin, meine Mutter, ein solch heftiges Verlangen, sie zu kosten, dass sie umkehrte. Sie erreichte das Tor des herrlichen Gebäudes, das von Gold und Himmelblau nach allen Seiten strahlte; doch sie klopfte vergeblich an (…)

Die älteste Zauberin steckte die Finger in den Mund und pfiff dreimal, dann rief sie: „Aprikosen, Pfirsiche, Blutpfirsiche, Kirschen, Pflaumen, Birnen, Herzkirschen, Melonen, Muskatnüsse, Äpfel, Orangen, Zitronen, Stachelbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, folgt meiner Stimme!“

Aber all die Früchte, die Ihr gerufen habt, reifen ja zu verschiedenen Jahreszeiten“, wandte die Königin ein.

Für unseren Garten gilt das nicht“, sagten die Zauberinnen, „wir haben alle Früchte der Erde, sie sind immer reif, immer gut und verderben nie!“

Der französische König Ludwig XIV. versuchte, es diesen Zauberinnen gleichzutun und ließ André le Nôtre den geometrischen Garten von Versailles planen und zurechtstutzen – Perrault erschuf das Labyrinth dort drinnen. Ein gut beherrschbares Paradies auf Erden sollte er werden, mit Orangerien, in denen auch Südfrüchte gezüchtet wurden. Schnurgerade und lebensfeindlich. Das wissen auch die Feen – sie ziehen wildwachsende Gärten vor. Und das wissen auch die Kinder. Eine kleine Bohne reicht Jack, um in den Himmel zu klettern, und ein Kürbis dem französischen Aschenputtel, um zum Ball des Prinzen zu gelangen. Dort gab es dann aber gewiss die französischen Märchengerichte aus dem Zaubergarten zu kosten: Pfirsichsuppe mit Pinot Noir und Zimt, Feenfinger mit Orangenblüten, Kürbissoufflé mit Zimt und kandierten Orangen, Bienenwaben und die Juwelen der Bienenkönigin oder auch eine Henne mit goldenen Kartoffel-Eiern (nachzulesen und -kochen bei Laurendon/Ferber).

Ludwig von Zanth: Ansicht der Wilhelma von 1855.
1b:Langer See (abgeschn.), 1a:Halbmondsee, 2:Maurischer Festsaal mit angrenzendem Maurischen Garten, 3:Maurisches Landhaus, 4:Belvedere

Nicht nur Ludwig XIV. ließ sich einen Märchengarten anlegen, auch spätere Könige machten es ihm nach. Unter ihnen König Wilhelm I. von Württemberg. Er ließ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Stuttgart-Bad Cannstatt die Wilhelma anlegen. Mittlerweile hatte sich die Mode gewandelt: Barock war out, maurischer Stil in, und so entwickelte sich sein Lustgarten zu einem Märchengarten wie aus 1001 Nacht. Damit die hungernden Untertanen nicht ob der Verschwendung murrten, baute man eine hohe Mauer drumrum und ein bisschen gezaubert wurde in diesem Märchengarten auch: Der Maurische Garten grenzt an einen Wandelgang mit „Flüstergalerie“. Es handelt sich dabei um ein physikalisches Phänomen, das eine problemlose Unterhaltung in gedämpfter Lautstärke über eine Distanz von vierzig Metern ermöglicht!

Wilhelma: Damaszener-Halle mit nistenden Störchen

Während in den Märchengärten der Könige Natur und Menschen beherrscht wurden, beherrscht man heutzutage in den demokratischen Märchengärten das Märchen selbst und reduziert es auf Tableaus. Der hierzulande bekannteste Märchengarten ist ganz in der Nähe von Stuttgart gelegen, am barocken Residenzschloss Ludwigsburg.

Märchengarten Ludwigsburg: Emichsburg (1798-1802), heute der Rapunzelturm

Seit 1959 befindet sich im Ostteil der Schlossparkanlage ein Märchengarten, in dem über 40 Märchenszenen dargestellt werden. Der Märchengarten wurde im Jahr 1959 auf Initiative von Albert Schöchle gegründet, der 1957 auf einer Fahrt zum Einkauf von Tieren zufällig den niederländischen Märchengarten bei Tilburg kennenlernte. Da Schöchle gerade auf der Suche nach einer neuen Attraktion für den Park war, griff er die Anregung mit Begeisterung auf. Heute hüpfen kleine Wasserfontainen, wenn man über die Steinplatten im Teich des Froschkönigs springt, Rapunzel lässt ihr Haar herunter, schreit man nur laut genug, und am oberen Eingang zum Märchengarten befindet sich ein steinerner Drache, der ständig „Bitte Papier“ ruft. Wirft man ihm einen Fetzen Papier in den Schlund, sagt er deutlich vernehmbar: „Danke!“ Auf kleinen Booten fährt man über den Märchenfluss, und in der Herzogschaukel ist schon so manchem schlecht geworden, wenn sich scheinbar die Schaukel überschlägt – in Wirklichkeit aber die gemalte Wand rotiert. Dazu werden Pommes frites und Cola verkauft – von der Zauberkraft der Märchen kann da nicht mehr viel übrig bleiben. Oder doch?

Eingang zum Märchengarten Ludwigsburg (eigenes Foto)

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