Wirf Gold und Silber über mich: Die Haselnuss (Corylus avellana)

 Blühender Haselstrauch Anfang März, © Barbara Pfeifer 2016

Volkstümliche Bezeichnungen Frau Hasel, Hexenstrauch
Blütezeit 2-4
Blütenfarbe Grünlich-bräunlich
Inhaltsstoffe Nuss: 62% fettes Öl, Vitamin A, B1-3, 6, 9, C, E; Calcium, Eisen, Natrium, Phosphor und Kalium. Blätter mit Gerbstoffen und 0,04% ätherischem Öl sowie Paraffin.
Heilwirkung, wissenschaftlich nachgewiesen Nicht ausreichend untersucht. Volksheilkundlich Nüsse bei Sodbrennen und zur Senkung des LDL-Cholesterinwertes. Blätter ebenfalls nur volksheilkundlich gegen Haut- und Venenentzündungen, Hämorrhoiden und Krampfadern, bei Galle- und Leberbeschwerden und zum Gurgeln bei Entzündungen in Mund und Rachen. Männliche Kätzchen gegen Fieber.
Zauberpflanzenkategorie (b), 2-5, 8-9
Essbar? Ja. Blätter 3-5, Früchte 9-10, Haselnussöl

 

Phänologisch läutet die Haselnussblüte den Vorfrühling ein: zwischen 1961 und 1990 ungefähr am 2. März, heute – im Rahmen der Klimaerwärmung – bereits durchschnittlich am 13. Februar. Wegen ihrer frühen Blüte ist die Hasel, ein Birkengewächs, Symbol für Lebens- und Liebesfruchtbarkeit, Unsterblichkeit; erfolgreichen Beginn, Wunscherfüllung und Glück. Sie hat in Mitteleuropa eine lange kulturelle Tradition. Haselzweige waren häufig Teil von heidnischen wie auch christlichen Grabfunden. In Mecklenburg-Vorpommern hängt man einen Frühlingskranz aus Haselnusszweigen und langstieligen Frühlingsblumen das ganze Jahr ins Haus – zur Erinnerung daran, dass wieder ein Frühling kommt. Hier ist die Hasel Symbol der Ewigkeit.

Als sehr altes Nahrungsmittel dürfte die Hasel schon bei Steinzeitkulturen einen hohen Stellenwert besessen haben. Zumindest aus germanischer Zeit ist überliefert, dass die „Frau Haselin“ nicht gefällt werden durfte – darauf stand die Todesstrafe, denn die Pflanze war dem Gotte Thor geweiht. Die keltischen Druiden lebten in heiligen Hainen bei einer Quelle, die häufig von Haselsträuchern umgeben war. Sie ernährten sich von Wurzeln und Waldfrüchten. Sowohl Kelten als auch Germanen galt der Haselstrauch als wichtige Zauberpflanze, unter der mitunter sogar Schätze zu finden waren. Es hieß auch, dass unter dem Haselstrauch der Haselwurm wohne, ein Mischwesen aus Mensch und Schlange. Durch den Genuss seines Fleisches konnte man angeblich ungeheure Kräfte erlangen. Der Wintergott der Kelten, der in den dunklen Jahreszeit die Menschen aufsuchte, trug Haselruten mit sich, die Fruchtbarkeit, Zeugungsfähigkeit und Milchreichtum für das Vieh verhießen.

Im Keltischen wurde die Hasel auch Bile Ratha genannt, der heilige Baum der Rath. Rath ist die irische Fee der Poesie und lebt im Haselstrauch. Die Hasel stand im Zentrum der Anderswelt, hing über der Quelle der Weisheit und ließ ihre Nüsse dort hineinfallen. Das Wasser dieser Quelle floss in Bäche, wo die magischen Nüsse vom Lachs der Weisheit gefressen wurden. Jene, die die heiligen Haselnüsse oder den Lachs essen, werden prophetische Gaben erlangen, sagte man. Gemäß der irischen Folklore trat die Haselnuss oft zusammen mit Apfel und Weißdorn auch an der Grenze zwischen den Welten auf, wo magische Dinge geschehen konnten. Als Kunststück der Weisen („Feat of the Sages“) verlieh die Haselnuss vor allem poetische Weisheit.

 

Im antiken Rom war sie ein Friedenssymbol. Unterhändler bei Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen hatten als Zeichen ihrer guten Absichten einen Haselzweig in der Hand. In der griechischen und römischen Mythologie wurde sie mit Hermes und Merkur in Verbindung gebracht und galt als Zeichen der Intelligenz. Der Stab des Hermes soll aus Haselholz bestanden haben.

Noch in historischer Zeit wurden in Deutschland Gerichtsstätten mit den „Summerlatten“, den Johannestrieben der Hasel, abgesteckt. Haselzweige dienten auch als Grenzmarkierungen. Der Weiser-Stab von Gerichts- und Forsthoheit bestand aus Haselholz.

Auch zahlreiche christliche Legenden ranken sich um die Haselnuss: So soll die Jungfrau Maria mit Jesuskind einst bei einem Gewitter Schutz unter einer Haselstaude gefunden haben. Maria segnete deshalb den Strauch, und seither kann kein Blitz mehr in die Haselstaude einschlagen. Sie überträgt ihre vor Blitz schützende Kraft auch auf Häuser und Orte, welche Haselzweige bergen, und auf den Reisenden, der sich einen Haselzweig an den Hut steckt. Diese Kraft soll besonders in den Kätzchen tragenden Zweigen liegen, welche als Palmbuschen verwendet und vom Priester am Palmsonntag in der Kirche geweiht werden. Wirft man bei Gewitter drei oder sieben dieser Kätzchen ins Feuer, so ist das Haus vor allen Wetterschäden geschützt. Während die Hasel jedoch Gewitter und Hagel vertrieb, konnte andererseits mit ihr Regen herbeigezaubert werden.

An Mariä Himmelfahrt (15. August) gehörten auch Zweige von Hasel und Holunder mit in den Kräuterbuschen, der in der Kirche vom Priester geweiht wurde.

Die Wünschelrute

Vielleicht war schon der Zauberstab von Moses eine Haselnuss – er spürte mit ihm Wasser auf. Der Hasel wurde und wird jedenfalls die Eigenschaft zugeschrieben, Kraftströme fließen zu lassen. Daher werden Haselruten als Wünschelruten verwendet oder um Energieströme von Ahnen aus dem Jenseits aufzunehmen (deshalb spielten sie auch im germanischen Totenkult und bei Bestattungen eine große Rolle). Der Strauch soll störende Erd- und Wasserstrahlen ableiten. Der Glaube an die Wünschelrute war bis ins 17. Jahrhundert allgemein verbreitet und hat sich bis heute erhalten. Man wollte Schätze, Metalladern und Quellen damit aufspüren. Ganz einfach war dies, wenn man einen Haselstrauch fand, der eine Mistel trug, denn in ihm wohnten ein Geldmännchen und eine Alraune. Ansonsten musste man sich eine Wünschelrute schneiden, einen gegabelten Ast, am besten von einjährigem Holz. Messer waren dafür untauglich, es musste ein Feuerstein sein – oder man riss den Zweig einfach ab. Dabei hieß es jedoch schnell sein, damit der Strauch nicht die Zeit hatte, seine geheimnisvolle Kraft aus den Zweig zurückzuziehen. Gleichzeitig musste man dabei die folgenden Worte sprechen:

Ich schneide dich, liebe Rute,

Dass du mir musst sagen,

Um was ich dich tu fragen,

Und dich so lang nicht rühren,

Bis du tust die Wahrheit spüren.

Für das Schneiden der Rute waren natürlich auch der Tag und Uhrzeit wichtig, am besten eignete sich die Neumondzeit um St. Johannis herum (24.6.), und zwar vor Sonnenaufgang (also für den Stuttgarter Raum: vor 5 Uhr 21). Beim Aufsuchen des Zweiges durfte (bis auf den oben genannten Zauberspruch) kein Wort gesagt werden, auch auf dem Rückweg nicht – und der oder die Betreffende musste ganz nackt sein! (Weshalb es wahrscheinlich Sinn machte, auch vor Sonnenaufgang schon zu Hause zu sein.)

Am Haselstrauch hängen silberne Schlüssel,

mit denen man Schatztruhen öffnen kann“,

heißt es in einer alten Sage.

Trotzdem stand die Hasel bei Hildegard von Bingen nicht in hohem Ansehen: Der Haselbaum ist ein Sinnbild der Wollust, zu Heilzwecken taugt er kaum, schrieb sie. Nüsse wurden nämlich mit Sexualität und Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Diese sexuelle Konnotation der Hasel ist auch im Volkslied zu erkennen:

Die Nachtigall singt auf kein Tannenbaum,
Schlagt in der Haselnussstaudn…

Die Nachtigall singt nämlich nur während der Weibchensuche, nach der Paarung nicht mehr. Die Redewendung in die Haseln gehen steht für ein Stelldichein. Die Volkssprüche viel Hasel, viel Kinder ohne Vater und der ist aus einer Haselstaude entsprungen weisen auf den außerehelichen Charakter solcher Verbindungen hin.

Die in vielen Gegenden übliche Sitte, seiner Liebsten am 1. Mai ein Birkenbäumchen vor das Fenster zu stellen, wurde durch das Setzen eines Haselstrauches abgewandelt und das betreffende Mädchen dem Spott übergeben. Aus der Normandie ist dieser Brauch bereits aus dem Jahr 1393 belegt.

Aufgrund der Sexualsymbolik wurde die Hasel als Aphrodisiakum genutzt: zu Pulver gebrannte Haselrinde wurde ins Essen gemischt, oder es wurde Haselnussöl verwendet.

Als Glücksbringer und Fruchtbarkeitssymbol wurden in Rom, in England und in Südwestdeutschland der Braut bei der Hochzeit ein Korb mit Haselnüssen geschenkt, oder man bewirft das Brautpaar mit Haselnüssen. Im alten Rom warf der Bräutigam Nüsse unter die Gäste.

Verwachsene doppelte Haselnüsse (Vielliebchen) galten als Zeichen des Eheglücks.

Die Neuheiden meinen, dass Haselnüsse Lebensfreude schenken und zur mystischen Erkenntnis verhelfen.

Dem Strauch wurden auch abwehrende Eigenschaften zugesprochen: Mit einem Haselzweig sollte man sich der Schlangen und Hexen erwehren können. Perger schreibt 1864:

…dass man zwei Haselstäbe nimmt und auf den einen die Namen Jesus, Maria und Johannes, und auf den anderen die drei magischen Wörter Tetragrammaton, Adonai, Otheos einschneidet und beide Stäbe kreuzweise bindet. Die Kreuz wird mit dem Wachs einer Osterkerze beträufelt, und dann legt man ein weißes Tuch und etwas Stabwurz (Eberraute, Artemisia abrotanum) auf dasselbe und siebt die verhexte Milch durch, die dann völlig unschädlich wird. Wenn man mit einem Besen aus Haselreisern den Staub aus allen Ecken des Hauses zusammenkehrt und in einen Sack tut und tüchtig darauf schlägt, so werden die Hexen bewältigt.“

Und Leonhart Fuchs meinte 1543:

So einer Haselnuß zuo morgens vor anderer speiß mit raute innimpt / dem mag kein gifft / noch gifftig thier denselben tag schaden. So sie mit feigen werden ingenommen / kommen sie zuohilff denen so vonn einem scorpion gestochen seind. Es sagen ettlich / so man die schelfen nemme und zuo pulver stoß / mit oel vermeng / und an das vorderteyl des haupts salb / das sie den kindern die grawen augen schwartz machen.

Gegen Hexerei wünschte sich auch Aschenputtel eine Haselgerte für das Grab ihrer Mutter. Aber auch die oben erwähnte Sexualsymbolik fließt mit ein. Im Märchen der Brüder Grimm heißt es:

Es trug sich zu, dass der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. »Schöne Kleider«, sagte die eine, »Perlen und Edelsteine« die zweite. »Aber du, Aschenputtel«, sprach er »was willst du haben?« »Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab.« Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu seiner Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf und weinte so sehr, daß die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber und ward ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab, was es sich gewünscht hatte. (…Nachdem die Schwestern zum Ball des Prinzen gegangen sind, geht Aschenputtel wieder zum Grab:) Als nun niemand mehr daheim war, ging Aschenputtel zu seiner Mutter Grab unter den Haselbaum und rief:

»Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,
wirf Gold und Silber über mich.«

Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. (Dies geschieht dreimal hintereinander, und von Mal zu Mal wird das Kleid prächtiger. Schließlich sucht der Prinz im Haus der bösen Stiefmutter nach Aschenputtel, aber die Frau versucht, ihm nacheinander ihre beiden eigenen Töchter unterzuschieben. Wieder helfen Haselstrauch und Tauben, als er mit der jeweils falschen Braut an ihnen vorbeireitet:) Sie mussten aber an dem Grabe vorbei, da saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:

»Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck:

der Schuck ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.«

Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Haus. (Und wie wir wissen, am Ende passt Aschenputtel der gläserne Schuh und sie heiratet ihren Prinzen.)

Auch in anderen Märchen spielt die Haselnuss eine wichtige Rolle, natürlich im tschechisch-deutschen Märchenfilm „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, nach der Romanvorlage von Bozena Nemcová. Aber auch in dem englischen Märchen „Mary und Alice mit dem Schafskopf“: Hier verhindert der Genuss von Haselnüssen zunächst, das Alice einen Schafskopf angehext bekommt – doch als sie keine Nüsse mehr isst, hat die Hexe Macht über sie. Erst ihrer Schwester Mary gelingt es, sie zu retten und einen kranken Prinzen mit dazu. Und wieder sind es die Haselnüsse, die dies bewirken:

Mary „setzte sich in eine Ecke zu den alten Frauen und lauschte, worüber sie sich unterhielten.

Also ich hörte“, ließ sich eine vernehmen, „im Nachbarland soll einer Prinzessin ein Schafskopf gewachsen sein. Ist denn so etwas überhaupt möglich?“

Warum nicht?“ sagte eine andere. „Aber dagegen gibt es ein wirksames Mittel.“

Wirklich? Was ist denn das für ein Mittel?“ fragte eine Dritte.

Gleich jenseits des Waldes wächst ein silberner Haselstrauch mit silbernen Nüssen“, sagte wieder die zweite. „Wenn die Prinzessin nur eine dieser Nüsse äße, würde sie wieder ein so hübsches Köpfchen haben wie früher. Das weiß nur keiner.“

Mary warf einen heimlichen Blick auf den Nusszweig, den sie unterwegs abgerissen hatte, und wirklich, er war aus Silber, und auch die Nüsse daran waren silbern.“

Während für Alice die silbernen Nüsse ausreichen, muss Mary für den Prinzen zunächst goldene und dann auch noch diamantene Haselnüsse erlangen, bevor der Zauberbann von ihm genommen ist. Die Hochzeit folgt auf dem Fuße: Mary heiratet den genesenen Prinzen, sein jüngerer Bruder Alice.

Karoline Stahl widmet 1821 in „Die Haselnüsse“ ein ganzes Märchen dieser Zauberfrucht:

Eine Frau hatte drei Töchter, die, als sie starb, noch sehr jung waren. Auf ihrem Totenbette ermahnte die Sterbende sie zum Fleiße, zur Häuslichkeit, zur Eintracht. Sie versprachen ihr alles, was sie verlangte, und folgten auch in der ersten Zeit ihren Verordnungen. Doch nicht lange, so vergaßen die beiden ältesten Schwestern der mütterlichen Lehren, wurden eitel, putzten sich den ganzen Tag, gingen spazieren und überließen die häuslichen Verrichtungen und Geschäfte der Jüngsten von ihnen. Elmine war gut und fleißig, und folgte den Ermahnungen der Mutter; so ward es ihr nicht lästig das Hauswesen zu besorgen und alles in Ordnung zu erhalten. Nur war sie betrübt, dass die Schwestern die schönsten Kleider und Sachen für sich behielten, und sie in grobem Zeuge sich kleiden und allein zu Hause bleiben musste, wenn sie lustig umher zogen. Dazu ihr unfreundliches, hartes Betragen, gegen Elminen, die sie gar nicht liebten. Eines Abends kam eine alte, arme Frau zu ihnen, und bat um etwas Brot und ein Nachtlager. Die beiden Ältesten wiesen sie hart zurück, Elmine aber bat für sie, und mit Mühe gelang es ihr, es dahin zu bringen, dass die Arme herein gelassen ward und etwas zu essen bekam. Sie teilte ihr Lager mit ihr, und als die Frau am andern Morgen das Haus verließ, schenkte sie einer jeden eine Haselnuss. Verächtlich warfen die ältern Schwestern das armselige Geschenk auf die Erde, von der es die Alte schweigend aufnahm, und nun Elminen alle drei Nüsse gab. Sie spöttelten noch lange darüber, und wünschten der Jüngern Glück zu dem unermesslichen Geschenke. Nach einiger Zeit entstand eine Teurung, die so groß war, daß viele Leute aus Hunger starben, und viele in die äußerste Not gerieten. Elmine spann so fleißig als möglich, es war aber niemand da, der das Garn kaufen wollte, weil niemand Geld hatte. Die ältern Schwestern hatten auch etwas gesponnen, und befahlen Elminen, alles vorrätige Garn weit, weit in eine ferne Stadt zu tragen, und dafür Brot heim zu holen. Sie machte sich auf den Weg dahin, und da sie hörte: die Königin kaufe gern sehr feines Garn, wie das ihrige auch wirklich war, so ging sie in den Palast und bot es dort an, die Diener aber sprachen lachend, dein Garn ist zu grob; die Königin kauft nur solches, das so fein ist, dass hundert davon gewobene Ellen Leinwand in eine Haselnuss gehen. Betrübt kehrte Elmine zurück, und war schon am Tore der Stadt, als sie vor Hunger und Müdigkeit nicht weiter konnte. Da fiel es ihr ein, eine der Haselnüsse, die sie einst bekam, zu essen. Sie zog sie aus ihrer Tasche, öffnete sie, und siehe da, ihr entgegen quoll die schönste Leinwand, die so fein wie das Gewebe der Spinne und blendend weiß, wie frischgefallner Schnee, war. Sie bedeckte sie mit ihrer Schürze, und durch die Freude gestärkt, kehrte sie ins Schloss zurück, mit ihrem Schatze. Die Königin, hoch erfreut über das köstliche Gewebe, gab ihr eine Menge von Goldstücken. Elmine kaufte sich so viel Brot, als sie nur tragen konnte, und kehrte zurück, reich beladen. Die Schwestern waren indessen fast vor Hunger gestorben, und schalten das arme Mädchen, dass es so lange ausgeblieben war; dann nahmen sie ihr alle Goldstücke weg und kauften sich schöne Sachen. Das Gold war nun fort, das Brot gegessen, und die Teurung noch groß. Elmine hatte bei der Königin eine Menge kleiner, schöner Hündchen gesehen, und es nachher den Schwestern erzählt. Nun verlangten diese, sie solle wieder nach der fernen Stadt gehen, und ihr kleines, weißes Hündchen, das sie sehr liebte, der Königin verkaufen. Die arme Elmine musste gehorchen, und machte sich traurig mit ihrem kleinen Liebling auf den Weg. Bei ihrer Ankunft im Palaste zeigte sie das Hündchen und bot es zum Verkauf an. Die Diener sprachen: die Königin hat viel schönere und kleinere Hündchen. Bringe eines, das so klein ist, dass es in einer Haselnuss Platz hat, so kauft sie es gewiss. Betrübt schlich sie fort, und kraftlos vor Hunger. Sie kam nicht weit, als ihr die Nüsse einfielen. Sie öffnete eine derselben, und siehe da! ein Hündchen lag auf Baumwolle darin, und als sie es ans Ohr hielt, hörte sie es bellen. Sie wendete eiligst um und brachte der Königin die Nuss mit dem Inhalte. Diesesmal bekam sie noch weit mehr Gold, kaufte viel Brot, und kehrte heim. Die bösen, leichtsinnigen Schwestern nahmen ihr aber alles weg und vertändelten das viele Gold, so dass sie in Kurzem nichts mehr hatten. Als die Not wieder sehr groß war, befahlen sie Elminen, abermals in die Stadt zu gehen, und da sie nichts anders hatte, sollte sie der Königin die Haselnuss anbieten. Traurig ging sie fort, und als sie bei ihrer Ankunft die Nuss zeigte, fragten die Diener sie, ob in derselben vielleicht ein ganzer Wald von Nussbäumen sei, denn ihre Königin hätte an einer Nuss nicht genug. Bestürzt über diesen Spott ging sie fort, als die Königin sie aus dem Fenster erblickte, und zurück rief. Sie zeigte ihr die Nuss und bat sie, sie ihr abzukaufen. Lächelnd sprach die Königin: mein Kind, ein Nusskern ist ein kleines Ding, doch ist er schön, so sollst du ein Goldstück dafür haben. Elmine öffnete sie geschwinde, und siehe, welch ein Wunder! Der Kern rollte auf die Erde, eine Menge anderer Kerne kamen aus ihm heraus, die alle Wurzel fassten, schnell entstanden Bäumchen, dann große Nussbäume, die sich mit Blüten bedeckten, die Blüten verschwanden, und in einigen Minuten waren alle mit den herrlichsten Haselnüssen überdeckt. Erstaunt über das nie erhörte Wunder, blickten alle sprachlos hin; dann fragte die Königin, wo sie diese wundervolle Nuss bekommen? – Elmine erzählte ihre ganze Lebensgeschichte, und dass die Nüsse ein Geschenk von einer alten Frau wären. Die Königin verbot ihr zu ihren Schwestern heimzukehren; da aber Elmine sehr darum bat, erlaubt sie es ihr, ihnen Brot zu bringen. Das tat sie auch sogleich; weil aber die bösen Furien damit nicht zufrieden, noch Gold verlangten, kehrte sie zur Königin heim, die ihr herrliche Geschenke machte, und sie bald so lieb gewann, dass sie sie, da sie selbst keine Töchter hatte, an Kindesstatt annahm. Die bösen Schwestern mussten nun selbst arbeiten, da Niemand es für sie tat; aber träge, wie sie es waren, schien ihnen das kleinste Geschäft eine unerträgliche Last, und sie führten ein unzufriednes, trauriges Leben, in Mangel und Dürftigkeit, indess ihre jüngere Schwester so glücklich war.

Drei Nüsse spielen auch im Märchen von Ludwig Bechstein eine herausragende Rolle, aber ob es sich hier um Haselnüsse handelt, ist zwar wahrscheinlich, jedoch nicht sicher. In der Novelle „Die drei Nüsse“ von Clemens Brentano hingegen handelt es sich um „welsche Nüsse“, also Walnüsse.

Alles in allem ist die Haselnuss jedenfalls eine unserer wichtigsten heimischen Zauberpflanzen.

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